Front Seat Gamer Dad

Während Autorenkollege Mirko in seinem wundervollen Artikel Back Seat Gamer Mum darlegte, wie er seiner Mutter nach Jahren der Skepsis dennoch einen tieferen Einblick in die Welt der Videospiele ermöglichen konnte, beginnt diese Anekdote mit ganz anderen Voraussetzungen. Seit ich denken kann, spielt mein Vater Videospiele. Vornehmlich die Art von Videospielen, um die ich selbst seit jeher einen weiten Bogen mache: Aufbausimulationen und Rennspiele. Das kann er (glaube ich) auch ganz gut. Problematisch wird es immer dann, wenn Genre-Grenzen verwischen und actionlastigere Elemente Einzug halten. Als Paradebeispiel kann hier Grand Theft Auto 5 genannt werden, das seit einiger Zeit immer wieder auf seiner Xbox One gespielt wird. Klar, es gibt dort Autos und zahlreiche Racing-Möglichkeiten, allerdings überwiegt der Action-Part innerhalb des Spiels sehr deutlich. Nicht zum Vorteil meines Vaters.

Vor ein paar Wochen erzählte er mir am Telefon von seinen Problemen mit GTA 5. Er kam bei einer Mission, die sich wirklich fast ganz am Anfang des Spiels befindet, nicht weiter. Schießen und Fahren gleichzeitig. Selbst für geübte Spieler, aufgrund der echt hakeligen Stick-Steuerung, kein wirkliches Vergnügen – und eben schon gar nicht für meinen Vater. Es gehört quasi zur Tradition, dass bei einem Elternbesuch die aktuellen (elterlichen) Videospielprobleme aus der Welt geschafft werden. Bei meiner Mutter geht es dann meist um irgendwelche Endgegner in diversen Jump and Run-Titeln, bei meinem Vater um irgendwelche Actionpassagen mit Schusswaffeneinsatz. Durch die Corona-Situation stand ein zeitnaher Besuch meinerseits aber nicht an, weshalb ich ihn vertrösten musste. Auch die fernmündliche GTA 5-Beratung war nicht von Erfolg gekrönt: Mein Vater war sich nicht sicher, ob er bereits Missionen mit Franklin erledigt hatte und auch von Trevor, dem dritten freischaltbaren Charakter, hatte er – so glaubte er zumindest – bislang noch nichts gehört. Der Storyfortschritt würde ihn außerdem eh nicht interessieren. Er wolle lediglich in Besitz eines kleinen Apartments und einer kleinen Garage gelangen. Für seine beiden Lieblingsautos. Ich musste ihn dennoch vertrösten.

Umso stolzer war er bei einem darauffolgenden Telefonat zwei Wochen später: Er war zu Geld gekommen. Knapp 75.000 Dollar hatte er mit Michael angehäuft. Nicht durch das Abschließen von Missionen. Nicht durch Überfälle auf Shops oder Geldtransporter. Nein, mein Vater hatte die vergangenen zwei Wochen Spielzeit damit verbracht, sich als ehrlicher Taxifahrer in Los Santos zu betätigen. 75.000 Dollar sind eine Menge Geld wenn man bedenkt, dass eine durchschnittliche Taxifahrt zwischen 150 – 220 Dollar einbringt. Wie viele Spielstunden (es müssen über 350 Taxifahrten gewesen sein!) dafür draufgegangen sind, möchte ich lieber gar nicht wissen. Es wird höchste Zeit für einen Elternbesuch.


Der Release von Grand Theft Auto 5 liegt mittlerweile fast acht Jahre zurück. Dennoch erfreut sich das Spiel nach wie vor immenser Beliebtheit. Ursprünglich noch für die Xbox 360 und PlayStation 3 veröffentlicht, erscheint der Titel im Laufe des Jahres auch noch einmal für die PlayStation 5 und Xbox Series X. Die Nachfolger-Nachfolger-Konsolen.

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