Indiana Jones

Anfang Januar gab Disney die Reaktivierung von Lucasfilm Games bekannt und verkündete im gleichen Atemzug die Rückkehr von Indiana Jones: Nach gefühlten 100 Jahren erscheint also tatsächlich noch einmal ein neues Indiana Jones-Videospiel. Das Entwicklerstudio MachineGames von Bethesda, das vor allem für die modernisierte Wolfenstein-Reihe bekannt ist, wird sich dieser Aufgabe annehmen. Was löst das in euch aus? Drei Autoren von WALL JUMP haben die Ankündigung zu ihrem Thema des Monats gemacht und sich genau mit dieser Frage auseinandergesetzt.

„Er ist nicht Nathan Drake. Er ist besser.“

Benjamin Gildemeister

Indiana Jones! Kann man verklären als Helden der Kindheit. Lässige one-liner, exotische Orte, spektakuläre Actionsequenzen. Hut und Peitsche, natürlich. Nüchtern betrachtet ist Indy vermutlich dasselbe, was Captain Jack Sparrow für eine spätere Generation war: schon OK. Genaugenommen ist nur einer der Filme wirklich gut, aber die Kombination aus Ford, Lucas und Spielberg hat wohl eine gewisse Durchschlagskraft entwickelt und Indy den Status einer Legende gegeben. Und Legenden der Popkultur bringen natürlich auch jede Menge Videospiele hervor. 18 an der Zahl wurden zwischen 1982 und 2009 entwickelt.

Es waren aber weder naheliegende Plattformer noch Action-Games, die im kollektiven Gedächtnis geblieben sind. Indiana Jones ist ausgerechnet für Point & Click Adventures in Erinnerung geblieben, die vor allem die Forscherlust und den Humor der Reihe betont haben.

Seit 2009 gibt es nach einigen durchwachsenen Titeln gar keine Indy-Spiele mehr. Lara Croft und Nathan Drake sind die Action-Archäologen der Stunde, die sich offensichtlich am legendären Vorbild orientieren. In Anbetracht der Megablockbustertitel dieser Serien haben sich viele das Original zurück auf ihre Konsolen und Computer gewünscht. Indy sollte endlich im würdigen Licht erscheinen.

Nun, 12 Jahre später, wird ihr Wunsch wohl erfüllt. Mit viel Tamtam wurde ein Teaser des nächsten Indy-Titels gezeigt. Unter dem alten neuen Label Lucasfilm Games wird die Peitsche wieder geschwungen. Ein Point & Click ist nicht zu erwarten. Das Original will vermutlich auch was vom riesigen Kuchen haben, den sich bisher Croft und Drake teilen. Ich erwarte allerdings nicht, dass das Spiel an die Qualität der Nachahmer/Vorbilder reichen wird. Und ich will so ein Spiel auch gar nicht. Indy ist zu Recht berühmt für seine Point & Clicks, denn was ist er? Er ist Universitätsprofessor. Er kämpft dafür, dass die Dinge in ein Museum gehören. Zwischendurch kriegt er eine Faust ins Gesicht, aber er ist nicht Nathan Drake. Er ist besser. Und das soll bitte auch so bleiben.


„Händchenhaltende Grausamkeit“

Thomas Steuer

Machine Games gönnen sich offenbar eine Schaffenspause vom Wolfenstein-Universum und entwickeln im Auftrag des wiedereröffneten/umbenannten Lucasfilm Games ein komplett neues Indiana-Jones-Game. Aber was könnte das werden? Ein Point-and-Click-Adventure im Stile des altehrwürdigen Fate of Atlantis? Wäre für ein Bethesda-Projekt vermutlich zu klein. Ein Ego-Shooter ganz im Zeichen der erfolgreichen Wolfenstein-Reihe? Hätte was, würde aber zu Indiana Jones nicht so wirklich passen. Zugegeben, beide Konzepte reizen mich kaum, wären mir aber allemal lieber als das, was Indiana Jones wahrscheinlich blüht und was auf den ersten Blick wohl auch wie die Faust aufs Auge passen würde: Uncharted + Tomb Raider = Indiana Jones.

Genau, mit bombastisch gestalteten Welten, atmosphärisch beleuchteten Höhlen und Gräbern, mit feinstem CGI und der neuesten Motion-Capture-Technik. Mit einer mitreißenden Geschichte, einem auf jung getrimmten Harrison Ford und mit Machines Games‘ Trademark-Feinden: den Nazis. Aber im schlimmsten Fall erwartet uns auch die händchenhaltende Grausamkeit der allseits beliebten Naughty-Dog-Spiele. Fünf Minuten laufen, zehn Minuten Zwischensequenz, fünf Minuten laufen, zehn Minuten Ingame-Gelaber. Eine andauernde Filmsequenz, die das Prädikat „Game“ nur verdient, weil es Indiana Jones in den Ingame-Sequenzen immerhin gestattet ist, sich im Schneckentempo fortzubewegen. Natürlich ohne Zugriff auf irgendwelche Waffen oder Fertigkeiten.

Meine persönliche Gameplay-Hölle: Ein interaktiver Film, der seine ohnehin beschränkte Spielbarkeit in viel zu regelmäßigen Abständen noch derart einengt und geradezu versteckt, dass ich spätestens dann am liebsten frustriert in mein Sofakissen beißen möchte, wenn es mal wieder sämtliche Game-of-the-year-Awards einer Branche abräumt, die am liebsten etwas wäre, was sie nicht ist: Hollywood. Zum Glück ist Bethesda auch nicht Sony und Machine Games nicht Naughty Dog, sodass die Wahrscheinlichkeit dieses Schreckensszenarios sogar noch geringer sein dürfte als die Berücksichtigung eines Game-Pass-Exclusives bei den Awards.


„Anspruch und Wirklichkeit“

Joshua Hampf

Lucasfilm Games ist zurück! Zak McKracken? Monkey Island? Loom? Indiana Jones! Die Nostalgie-Freude der spekulationsfreudigen Nostalgie-Freunde kannte nach Bekanntwerden der Reaktivierung von Lucasfilm Games keine Grenzen und wurde durch die zeitgleiche Ankündigung eines neuen Indiana Jones-Videospiels noch zusätzlich verstärkt. Ich habe mich über diese Ankündigung auch irgendwie gefreut – vermutlich, weil es einige Erinnerungen aus Kindheits- und Jugendtagen getriggert hat: Die drei ersten Indy-Filme habe ich damals so oft gesehen, dass ich die Filme zu großen Teilen mitsprechen kann. Fate of Atlantis halte ich bis heute für eines der besten Point and Click-Adventure aller Zeiten. Was für eine Story,… und wie sehr sich George Lucas irrte, als er Atlantis das nötige „MacGuffin-Potential“ für eine Leindwandumsetzung absprach. Egal.

Und eben doch nicht egal! Denn die Ankündigung eines neuen Indy-Videospiels lässt mich in der Vergangenheit schwelgen, anstatt Vorfreude zu schüren. Ich werde das Spiel nämlich – ziemlich sicher – nicht mögen. Und vermutlich auch gar nicht spielen. Zumindest dann, wenn es sich wirklich um ein 3D-Action-Adventure handeln sollte. Zum einen mag ich dieses Genre, egal ob mit Lara, Indy oder Nathan, einfach nicht. Zum anderen halte ich es bei einem Produkt wie „Indiana Jones“ schlichtweg für die falsche Genre-Wahl. Die filmischen Vorlagen sind für mich zu groß – man kriegt dieses Indy-Gefühl einfach nicht angemessen mit einem Action-Adventure transportiert. Denn ein von mir gesteuerter Indy kann – selbst wenn ich mir wirklich viel Mühe gebe – nie mehr als ein trauriges Abziehbild der Leinwandvorlage werden. Anspruch und Wirklichkeit klaffen für mich einfach zu weit auseinander. Um es mit einem anderen Beispiel aus dem Lucas-Disney-Universum zu verdeutlichen: Auch virtuelle Lichtschwertkämpfe werden stets ein müdes Abbild ihrer filmischen Vorbilder / Vorlagen bleiben. Zumindest für mich wird ein Indy-Action-Adventure daher mit großer Sicherheit eben auch niemals funktionieren.

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