Gamification Gone Wrong

Am 10. Juni 2005 erschien GTA San Andreas in Europa für die gute, alte und erste Xbox. Ein “Jubiläum”, an das ich durch Zufall auf Twitter erinnert wurde und mir eine alte, eher unrühmliche Story in Erinnerung rief. Grand Theft Auto war Mitte der 2000er bekanntermaßen das Maß aller Dinge, insbesondere für pubertierende Dorf-Teenager wie mich. Als jemand der zunächst hauptsächlich Nintendo und später auch auf der Xbox spielte, wurde dieser Effekt noch verstärkt, weil man jahrelang nur zuschauen durfte, wie die coolen Playsie-Kids ein GTA nach dem anderen serviert bekamen und das Open-World-Genre in seiner Frühphase praktisch einer Gated-Community gleich kam.

Anfang 2004 nahte schließlich die Erlösung. Das so genannte “GTA Double Pack” brachte Teil 3 und Vice City endlich auf die Xbox und beendete schlagartig mein Dasein als Gamer zweiter Klasse im 2000-Seelen-Örtchen. Ab jetzt war klar, hier geht alles, the sky is the limit. Nicht nur, dass jedes noch so kleine Fünkchen Gameplay aus beiden Teilen herausgesuchtet wurde, den Xbox-Release von San Andreas hatte ich in sämtlichen, in Vice City enthaltenen Pastellfarben, bereits Monate vorher auf meinem Tischkalender markiert. Ein Umstand, für den ich mich heute weniger schäme als für den Besitz eines Tischkalenders als solchem. 

Problematisch war damals allerdings nicht nur die theoretische Beschaffung der GTA-Spiele aufgrund bis heute nervender Exklusivdeals, sondern auch die praktische. Ich wollte natürlich ein ungeschnittene Version, hatte diese auch lange im Voraus vorbestellt, konnte allerdings am Vormittag des 10. Juni 2005 immer noch keine Versandbestätigung in meinem Mailpostfach vorfinden. Geduld war seinerzeit nicht meine Stärke, also beschloss ich, spontan die USK16-Version zu besorgen und später wieder zu verkaufen. Der elterliche Fahrdienst zum nächstgelegenen Einkaufscenter (20 Kilometer entfernt) stand so kurzfristig und auf Kommando natürlich nicht zur Verfügung und so sah ich plötzlich am Releasetag das lang ersehnte Hypegame in weite Ferne rücken. 

Panik setzte ein. Was war in dem Alter schon wichtiger, als ein neues Spiel pünktlich zum Releasetag in den Händen zu halten? Absolut N I C H T S. Wer damals nicht auch mal in einem solchen Fall eine wutentbrannte und vollkommen anmaßende Beschwerdemail an seinen Versandhändler des Vertrauens verschickt hat, der werfe den ersten Stein. Nochmal konnte ich mir diese Blöße nicht geben, soviel verstand ich auch schon mit 17. Also setzte ich all mein Vertrauen in meine durch regelmäßiges Tennisspielen hoffentlich erworbene Grundfitness und setzte mich aufs Fahrrad um die 15 Kilometer selbst zu bewältigen und mir GTA San Andreas unter Einsatz körperlicher Anstrengung doch noch pünktlich zu besorgen. 

Dass die 15 Kilometer eine etwa einen Kilometer lange Bergstrecke enthielten, war mir von vornherein klar. Dass sich dieses kurze Stück an einem heißen Sommertag in etwa so anfühlen würde wie Alpe d’Huez (berühmt-berüchtigte Bergetappe der Tour de France), hatte ich nicht erwartet. Zwar gelang es mir, mich irgendwie in einem Stück ganz nach oben zu schleppen, oben angekommen musste ich mein Frühstück allerdings ohne Umschweife und in feinster Manier eines Wiederkäuers dem Asphalt präsentieren. Nach einer längeren Rehydrierungspause und großer Freude über die Banane in meinem Gepäck, schleppte ich mich mit der zweiten Lunge eines Marathonläufers schließlich doch noch bis zum Einkaufsparadies, bekam das Spiel und rollte irgendwie nach Hause zurück. GTA San Andreas war für damalige Verhältnisse der absolut Wahnsinn, der anstrengende Trip hatte sich natürlich gelohnt und Al Neuharths Spruch habe ich seitdem verinnerlicht: “Der Unterschied zwischen einem Berg und einem Hügel liegt in deiner Perspektive.” Mit Gamification braucht mir aber bis heute niemand zu kommen. 


GTA San Andreas ist Teil 5 der extrem erfolgreichen Grand-Theft-Auto-Reihe und war 2004 das bis dato weitläufigste Open-World-Game, das digitale Abbildungen von Los Angeles, San Francisco und Las Vegas in einem Spiel vereinte und praktisch dazu einlud, einen fiktiven US-Bundesstaat zu bereisen. In der Memeculture ist es mit “ah shit, here we go again” heute noch fest verankert. George Straits “All My Ex’s Live in Texas” war seinerzeit Teil des Spielsoundtracks und bereitet mir bis heute körperliche Schmerzen, die weit über die der eingangs beschriebenen Radtour hinausgehen.

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