Back Seat Gamer Mum

Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, hätte ich meine Kindheit mehr mit dem Kopf in Büchern statt vor dem Bildschirm verbracht. Wenn es denn schon nicht Rennen und Toben an der frischen Stadtluft sein soll, dann doch wenigstens die Reise im Kopf, welche die Fantasie anregt und den Horizont erweitert. Sprich: Tote Texte.

Erst Jahrzehnte später sollte die Welt Videospiele langsam als vollwertiges Kulturgut wahrnehmen, sie analysieren und hinterfragen, ihren Kontext und Wirkung begreifen. Und auch mir haben die Dekaden die Begeisterung nicht madig machen können, nicht mal gegenüber meinen skeptischen Eltern.

Das heißt, Skepsis war nur zum Teil der Grund, dass ich das Hobby nie wirklich mit ihnen teilen konnte (was ich mit meinen hypothetischen Kindern natürlich ganz anders mache). Es war vor allem die Tatsache, dass Videogames – und hier mal Hand aufs Herz – das vielleicht unzugänglichste Unterhaltungsmedium sind, das es gibt. Von Sprache über Anwendung bis zum Erwerb und nicht zuletzt dem Stigma: Mit der Niederschwelligkeit eines Buches, Films oder einer Platte können Games nicht mithalten.

Doch es genügt, jahrelang ausgiebig darüber zu reden und zu schreiben, bis das eine Gefühl wach wird, das Barrieren überwinden kann: Neugier. In meinem Fall mütterliche Neugier. Und so sitzen meine Mutter und ich an einem Sonntag Nachmittag auf meinem Sofa, ich am Controller und sie im Beobachtungsmodus, wissbegierig und voller Fragen darüber, was es mit der Faszination Videospiel auf sich hat.

Portal, denke ich, ist wegen seiner abgesteckten Level und räumlichen Überschaubarkeit gut geeignet, als Einstiegsspiel zu dienen. Es ist der Realität irgendwie nachempfunden und außerdem wird nicht geballert. Was ich nicht bedenke: Das Konzept von Mini-Wurmlöchern verdreht das Hirn. So vergleicht Frau Mutter die Portale erst mit Spiegeln, fragt sich dann, wo oben und unten ist und mich anschließend, ob ich davon nicht Kopfschmerzen bekäme. Zumindest über GlaDOS aberwitzige Kommentare können wir uns gleichermaßen amüsieren. Doch nach einem „ich glaube jetzt hat es Klick gemacht“-Kommentar bin ich wieder optimistischer Dinge.

Untitled Goose Game soll mit seinem Slapstick und natürlicheren Kausalitäten als Ausgleich herhalten. Wie gemein das radikale Geflügel tatsächlich ist, merke ich, als meine Mutter echte Empathie für den Gärtner entwickelt, dem ich gerade so übel mitspiele. Da die Zusammenhänge von dem was wir tun aber so klar geschildert werden, rätselt meine Mum nicht nur amüsiert mit, sondern weiß manchmal bereits im Voraus, was geschieht.

Mit Rocket League will ich die Brücke vom Einzel-Abenteuerspiel hin zum sportähnlichen Wettbewerb schlagen. Das Spiel selbst zu begreifen scheint leicht, und während ich superbe Treffer lande, die vom Publikum goutiert werden, fragt mich meine Altvordere, wie Spielende denn hier technisch zusammen kämen. Ich komme ins Stottern und meine nur „Internet“ – was ja kein falsches aber doch ein sehr lückenhaftes Erklärungsmodell ist. Außer dass unzählig viele Datenpakete pro Sekunde durch die Leitung sausen weiß ich tatsächlich nicht sehr viel darüber, wie es funktioniert oder wie ich das am einfachsten erläutern könnte.

Zum Schluss möchte ich meiner Mutter mit dem Haupt-Trend der letzten Jahre bekannt machen: Open Worlds. Breath of the Wild schafft hier den Spagat zwischen Zugänglichkeit und Spieltiefe und dank seiner soliden Sandbox-Mechaniken eben auch die Brücke zur echten Welt. „Wow, da kann man ja Stunden reinstecken“ höre ich von der Seite, nachdem ich für ein paar Minuten Käfer und Obst gesammelt und beim Erkunden eines Strandabschnitts von Echsalfossen überrascht wurde und fast alle meine Herzen verlor. Als ich danach ein paar Gegner geschickt umschleiche, einem Wasseroktorok sein Projektil unfreundlich zurück gebe und einen Dornenbusch in Brand setze um eine Schneise zum Schrein zu schlagen, springt ein Faszinationsfunken hörbar zu meiner Mutter über. „Wie im echten Leben“ sagt sie, meint damit nicht die Welt von Hyrule selbst, sondern die Logik, auf der sie aufbaut. Sie sinnt über Metaphern und Lerneffekte fürs echte Leben nach und ich würde behaupten, erspürt eine ordentliche Portion Immersion.

Dass ich nach all den Jahren eine neue Perspektive auf Videospiele kennen lerne, indem ich einer anderen Person ein wenig in diese Welt geleite, macht auch mich neugierig auf mehr (und nicht nur mich, auch erfolgreiche YouTuber dokumentieren interessante Einsichten mit vermeintlichen Non-Gamern). Menschen ohne oder mit wenig Videospielerfahrung nehmen Dinge auf eine Art wahr, die mir in meiner Bubble nie offenbart werden würde. Ich frage mich, wo ein werdendes Gamer-Herz heute hinfallen würde, wenn es bei Null beginnt. Wie schnell und in welcher Weise Skill aufgebaut werden würde, ob das überhaupt ein Konzept ist und ob Lebensjahre einen Unterschied machen. Es gibt aber jetzt zum Glück eine Möglichkeit, das heraus zu finden.

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