Tekken feat. Sexandroid

Es soll Leute geben, die ordnen ihre Spielvorlieben nicht nach Genres, sondern nach den Tätigkeiten, denen sie während des Spielens nachgehen. Podcasts hören zum Beispiel oder in der Badewanne liegen (was die Auswahl der Plattformen dann nach Wasserresistenz kategorisiert). 

Ob das viel mit Multitasking zu tun hat, mögen Hobbyneurologen einer anderen Generation ergründen, mir jedenfalls scheint dieser Impuls, Videogames mit anderen Medien zu verknüpfen, verhältnismäßig naheliegend. Dark Souls, dieses kleine, unbekannte Nischenspiel aus 2011, spiele ich nun gefühlt zum zwanzigsten Mal. Und was soll ich sagen: Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen. Das steckt in der Natur der Sache eines jeden Games, aber bevor ich im Undead Asylum anfange erst mit den Ratten und dann mit mir selbst zu reden, hole ich mir doch lieber ein paar Stimmen aus dem Off über Kopfhörer dazu. Die Soundcues und der Score von Dark Souls sind mir ohnehin ins Blut übergegangen und werden bereits halluziniert, wenn ich nur die passenden Bilder dazu sehe.

Vielleicht ist das eine Art unbewusste Effizienzoptimierung, vielleicht doppelt geschichteter Eskapismus – oder doch mehr so etwas wie ein Kochexperiment. Denn nicht jedes Spiel lässt sich mit jedem x-beliebigen Audiomaterial kombinieren.

Als die Soundkarte meines ersten 486er IBM-PC nicht mit LucasArts’ X-Wing kompatibel war, lernte ich früh, dass es sich mit Elton Johns „Made in England“ aus irgendwelchem Grund sehr gut durch den Weltraum gleiten lässt. Mein Vater hatte das Album damals neu gekauft und da der Computer jede Tonausgabe verweigerte, wollte ich mindestens anderweitig musikalisch begleitet werden. Nebeneffekt: Wenn ich heute auch nur einen Akkord der Platte höre, flashen bei mir pixelige Sterncluster und grün leuchtende Fadenkreuze auf. Manchmal bilde ich mir auch ein, ich hätte einen Joystick in der Hand, was von außen unangenehm fehlinterpretiert werden kann.

Ein paar Jahre später musste ausgerechnet der nostalgische 80ies-Soundtrack von GTA Vice City teilweise meiner damaligen Band-Liebe Mando Diao weichen. Rockstar bot – zumindest auf dem PC – sogar recht einfache Möglichkeiten, seine persönlichen Lieblingssong unter die In-Game-Radioplaylists zu mischen. Und so wechselten sich „Beat it“ mit „Mr. Moon“ und sarkastischen Radiomoderationen ab. 

In meiner vor wenigen Jahren geendeten Tekken-7-Phase fand die Rezeptur dann ihren bislang kulinarischen Höhepunkt. Die unerträglich aggressive Dub-Synth-Hämmerei wich einem Hörbuch von Marc-Uwe Kling und vertauschte die Primär- und Sekundärtätigkeit dieser Stunden. Das Fighting-Game war etwas, womit die Finger sich beschäftigen konnten, während der Geist einem Sexandroiden, einem vorwitzigem pinken Tablet und einem kaputten Kampfroboter durch ihre Abenteuer folgte. 

Das Exklusive vereinen, das scheinbar Unvermengbare vermengen, ist vielleicht noch kein Punk, aber ein bisschen provokant ist es schon. Man fühlt sich geradewegs genötigt, weiterführende Diskussionen über Kunst, Werke und künstlerische Intention zu führen, um sich am Ende ohnehin darauf einigen zu müssen, dass Wahrnehmung de facto so individuell ist wie die Interpretation des eigenen Rorschachtests – und fast genau so willkürlich. Niemand kann genau sagen, welche Spielerfahrung ich wirklich mache. Was ein Glück ist, denn so löst sich auch der Anspruch an eine optimal-intendierte Spielerfahrung in Luft auf und ich kann weiter Zutaten wild zusammen mischen. Slay The Spire und Roxette. Weingeschwängerte Ferngespräche und Mario Kart. Metroid Dread und ein parallel laufender Speedrun von Hollow Knight. In meinem Kopf verschmolzen zu etwas Einzigartigerem als nur die Summe seiner Einzelteile.

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