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Wir alle verfügen über ein Arsenal an Hot Takes. Bestenfalls sind es kontroverse, doch meist schlicht provokante Aussagen, die allgemein beliebte Dinge als überschätzt darzustellen versuchen. Ich habe auch so ein paar, aber ich versuche, mich damit zurückzuhalten, weil es… nun… Hot Takes sind. Aber es gibt ein paar, von denen ich insgeheim wirklich überzeugt bin, und manchmal traue ich mich, sie zu äußern. Zum Beispiel dieser: Es gibt keine guten Spiele für den Game Boy.

Jetzt fallen allen, die dies lesen, fünf Spiele ein, die diese These widerlegen sollen. Link’s Awakening. Mystic Quest. Pokémon. Kirby’s Dreamland 2. Dieses Donkey-Kong-Ding mit den 100 Levels, das immer überall als Geheimtipp und „erstaunlich für ein Game-Boy-Spiel“ erwähnt wird. Tetris, verdammt!

I am not convinced.

Doch immer, wenn ich diesen Gedanken in meinem Köpfchen hin- und herschaukle, wandert mein Geist zu Wario Land. Es gibt viele Fans der Reihe, doch die meisten reden von Teil 2 oder 4. Ich rede von Teil 1, der den unnötigen Untertitel Super Mario Land 3 trägt. Ich kenne nur diesen Teil und habe wundervolle Erinnerungen daran. Warios Wucht, mit der er sich durch die Level pflügt, die Upgrades und vielen Geheimnisse, die so schwer zu erreichen sind. Ja, Wario Land ist der Beweis: Es gibt genau ein gutes Spiel für den Game Boy. Und die Musik! Die Musik tobt mir noch immer von Zeit zu Zeit im Ohr herum. Auch an die Soundeffekte erinnere ich mich genau. Das Spiel hatte eine Textur. Ein bisschen Magie auf diesem winzigen, schlecht beleuchteten Graustufen-Display.

Folgerichtig hat es Wario Land auf meine Liste der 30 Spiele in 30 Jahren geschafft. Nun habe ich mir vorgenommen, zu jedem dieser Spiele einen Text zu schreiben. Beim Nachdenken, welchen Aspekt ich für dieses Spiel in den Fokus nehmen könnte, kam ich immer wieder zum Sound. Um mir dessen Großartigkeit zu vergegenwärtigen, öffnete ich auf YouTube einen kompletten Durchlauf des Spiels und ließ ihn im Hintergrund laufen. Ich wollte nicht nur den Soundtrack hören, ich wollte den vollen Audiogenuss. Das mächtige Rempeln, das befriedigende Fliegen und Brennen, die gewaltigen Schädeltore, die beim Öffnen beeindruckend röhren.

Es war fürchterlich. Entsetzlich. Schrille Sounds. Ständige Aussetzer der Musik. Viel zu laute Soundeffekte, die ohne Unterlass auf meine Ohren eindreschen. Beim Münzsammeln, beim Rammen, beim Fallen von Gegnern, Beim Öffnen von Türen. Ein Kratzen, Brummeln, Fiepsen. Und dieses unerträgliche Geräusch von Warios feuerspuckendem Drachenhut. Es tat richtig weh. Ich riss die Kopfhörer heraus. Wie kann das sein? Wie kann ich jahrzehntelang positive Erinnerungen an… DAS in mir tragen? Nichts daran scheint mit geeignet, ein derartig nostalgisches Wohlgefühl zu erzeugen.

Fliegen, rempeln, Münzen sammeln. Drei schlimme Sounds auf einmal. Und die Musik noch dazu!

Mit ausgeschaltetem Sound schaute ich noch ein bisschen in das Video hinein. Und sicherlich hat Wario Land 1994 Qualitäten gehabt, die man auch heute noch erkennen kann. Es war geheimnisvoll, das Gameplay ordentlich. Aber es ist ein rudimentäres Spiel in jeder Hinsicht. Vor meinen Augen zerbröselte eine schöne Kindheitserinnerung. Ich schätze, es ist eben… ein Game-Boy-Spiel. Und wie wir alle wissen, gibt es objektiv einfach keine guten Game-Boy-Spiele.


Mein transparenter Game Boy („Du bist ja nackt!„) ging mitsamt Wario Land und einer handvoll weiterer Spiele auf einer USA-Reise im Jahr 1996 verloren. Zwei Jahre später fiel ich auf den Hype rein und kaufte mir einen Game Boy Color mit Pokémon Rot. Nach wenigen Stunden legte ich Handheld und Spiel für immer beiseite. Den Game Boy Advance ließ ich komplett aus. Das hätte ich laut vielen Stimmen nicht tun sollen. Aber was wissen die Stimmen schon.

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe von Texten zu 30 Spielen aus 30 Jahren.

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