Grundloser Hass

Xenoblade Chronicles 2 gehört zu den wenigen Rollenspielen, in dem ich wirklich jeden Stein umdrehen wollte. Ich mochte das Grundthema über bedingungslose Liebe. Ich mochte die Geschichte von Rex und Pyra. Was etwas offen blieb war das geheimnisvolle Königreich Torna und der Hintergrund für den Hass von Jin und Malos auf die verbliebene Welt. Es schien mir als könnte die Erweiterung „Torna – The Golden Country“ ein schönes Gleichnis der beiden mächtigen Gefühle geben und das Spiel zu einem glanzvollen Abschluss führen – eine Art japanisches Videospiel-Star-Wars.

Und mit den leuchtenden Augen eines Enthusiasten ist das auch gelungen. Ganz nüchtern betrachtet, ist es aber nur B-Movie zum Hauptspiel, ein Anhängsel, das mit einfacheren Worten wiederholt, was bereits bekannt war. Zu einer Erklärung für den Hass will hier niemand etwas Nennenswertes beitragen. Vertieft wird lediglich die Bitterkeit, die mit dem Verlust eines geliebten Menschen einhergeht. Diese Bitterkeit kann den Charakter verändern. Sie kann gleichgültig werden lassen gegenüber dem Leben und den Lebenden.

Nun ist es so, dass Klingen ewig leben. Doch nach dem Tod des Menschen, mit dem sie verbunden sind, kehren sie in einen Kristall zurück und vergessen alles aus diesem gemeinsamen Leben. Es ist eine kuriose Prämisse, die sich der Architekt der aktuellen Welt von Xenoblade Chronlices ausgedacht hat. Wird eine Klinge nun damit konfrontiert, dass ihre derzeitigen bedeutenden Gefühle nicht anders sind als die aus ihrem vorherigen Leben, mag das frustrierend sein – eternal sunshine of the spotless mind. Ich verstehe nun noch besser, wie aus einem nihilistischem ein lebensmüder Jin wurde. Die große Liebe zu Lora, die diesmal in den Mittelpunkt gerückt wird, ist eigentlich nichts besonderes. Doch statt es wie sie selbst als Kreislauf des Lebens zu akzeptieren, kann und will er das nicht. Eine gute Psychotherapie könnte aber sicher noch einiges kitten.

Doch der Ursprung des grundlosen Hasses, den Malos in sich trägt und der ihn antreibt, ist damit für mich nicht erklärt. Und ich glaube auch kaum, dass hier ein Therapeut etwas machen kann. Vielmehr scheint er ein gelangweilter Dandy zu sein, der weder mit seiner Unsterblichkeit und noch seiner ungeheuren Macht etwas Besseres anzufangen weiß. Wenn das eine Erklärung für grundlosen Hass sein soll – die Langeweile, der Mangel an Furcht vor einem Ende und das Fehlen einer eigenen Entwicklungsperspektive – es würde ein düsteres Licht auf eben jene werfen, die von Hass zerfressen sind. Kleine Lichter.

Zu allem Überfluss nervten mich nun die Mehrheit in meinem Team wegen ihrer kindlich-naiven Art. Das war zuvor eine heitere Ergänzung, doch nun gab davon einfach zu viele von ihnen. Mit einbezogen ist der einst als großer, mystischer Held glorifizierte Addam, der ein eher schlichtes Gemüt hat und am Ende einfach nur seine Ruhe will. Irgendwie fehlt mir in der Erweiterung die nötige Balance im Team. Auf eine nervige Rasselbande kommt ein großartiger Nihilist mit Tiefgang. Das sorgte für mehr als ein Augenrollen zu viel und brachte mich auf meiner Suche nach eigenen Antworten kein Stück weiter.

Die Wurzel für grundlosen Hass lässt sich nur erahnen wie schon zuvor – der Hass von Malos als Abbild der Abgründe der Seele von Amalhus, sein Klingenpartner. Das Ende von „Torna – The Golden Country“ hat mich daher frustriert, weil es dieses Thema offen ließ. Und so ist das einzige, was ich nun besser verstehe, der Hass auf japanische Rollenspiele. Aber mit dieser bitteren Erkenntnis bin ich der Wahrheit vielleicht am Ende doch ein wenig näher gekommen.


Xenoblade Chronicles 2 – The Golden Country Torna ist als Erweiterung und als Standalone-Version im September 2018 für die Nintendo Switch erschienen und damit ein knappes Jahr nach der Veröffentlichung des Hauptspiels. Die Handlung setzt etwa 500 Jahre in Vergangenheit an, es gibt eine eigene Spielwelt und ein paar neue Spielmechaniken. Der Umfang ist allerdings deutlich reduziert.

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