Monkey Island

Kassetten-Hörspiele mochte ich eigentlich nie, lediglich die sechsteilige Hörspielreihe „Lego: Piraten“ hatte es mir angetan. Sie sorgte dafür, dass ich mich zum Kindergarten-Fasching als Pirat verkleidete, Stock-Schwertkämpfen etwas abgewinnen konnte und im Sandkasten vornehmlich mit Plastik-Piratenschiffen spielte. Ein besseres Geburtstagsgeschenk als The Secret of Monkey Island konnte man einem fünfjährigen Jungen mit Piratenberufswunsch also kaum machen. Aber mit fünf Jahren war es ein ziemlich weiter Weg nach Monkey Island. Schon der Beginn meiner Reise war von Startschwierigkeiten geprägt, denn der damalige Familien-PC war alt und der Arbeitsspeicher reichte häufig nicht aus – nur der DOS-Befehl „MemMaker“, der den Speicher des Computers auf magische Weise optimieren konnte, machte einen Spielstart überhaupt erst möglich.

Circa sieben Stunden, so das Ergebnis einer Spielzeiterhebung, beträgt die durchschnittliche Spieldauer – ich habe damals mehrere Wochen, wenn nicht gar Monate, bis zum Ende gebraucht. Das war zum einen den komplexen Rätselketten, die sich Entwickler Ron Gilbert mithilfe seiner Puzzle-Dependency-Charts erdacht hatte, geschuldet, zum anderen aber hauptsächlich der sprachlichen Barriere: Ich konnte noch nicht lesen. Einzelne Wörter, Schilder, Ortsnamen, Dialoge,… – alles mussten mir meine Eltern so oft vorlesen, dass ich mir die Sachen irgendwann einfach merken konnte. Gemessen daran, wie lange ich auf Melee Island festgesessen habe, beneide ich meine Eltern im Nachhinein nicht um diese Aufgabe. Die Insel erschien mir damals riesig: Unzählige Orte, die sich teilweise erst mit fortschreitendem Spielverlauf offenbarten, ein riesiges Wald-Labyrinth und betretbare Häuser. Das beeindruckte mich damals enorm und die virtuelle Insel hat sich definitiv in meinen Kopf eingebrannt. Bis heute. Und dennoch ist es nicht diese Insel, der die größte Bedeutung zukommt.

Nachdem ich, zumindest gefühlt, meine gesamte Kindheit auf Melee Island verbracht hatte, schaffte ich es mit meinem Schiff tatsächlich doch noch auf die geheimnisvolle Insel Monkey Island. Ich konnte nicht glauben, dass es wirklich eine zweite große Welt in diesem Spiel geben konnte. Eine neue Weltübersichtskarte! Wieder neue, gänzlich unerforschte, Orte! Ein Spiel im Spiel quasi! Ich erinnere mich, dass ich davon überfordert war, denn die (vermeintlich) unendliche Größe der begehbaren Welt(en) hatte ich nicht erwartet. Dabei kann „mein“ Monkey Island durchaus als Platzhalter verstanden werden, denn was mein Monkey Island-Moment war, mag für andere der riesige Dungeon in Ultima Underworld gewesen sein – oder für spätere Spielergenerationen Liberty City aus GTA 3 oder Hyrule aus Zelda: Breath of the Wild. Das Gefühl von schier unendlicher Weite!

Monkey Island selbst ist nicht unbedingt mein virtueller All-Time-Lieblingsort, doch allein dessen bloße Existenz hat mich damals völlig überfordert und fasziniert zugleich. Ich wusste bis dahin nicht, dass eine Spielwelt so groß sein konnte. Daher steht die Insel quasi symbolisch für eine Art von „Videospiel-Erweckungserlebnis“ meines fünfjährigen Ichs. Und diese Symbolhaftigkeit hat tatsächlich noch eine weitere, ebenfalls persönliche Ebene: Mit großer Wahrscheinlichkeit existiert Monkey Island nämlich nicht einmal als virtueller Ort. Vielmehr handelt es sich dabei, darauf weist das Ende von Monkey Island 2 hin, wohl nur um das Hirngespinst eines kleinen Jungen namens Guybrush Threepwood, der, im Zuge seines kindlichen Piratenberufswunsches, diese geheimnisvolle Insel lediglich in seiner Fantasie erdacht hat.


1990 hat The Secret of Monkey Island von LucasArts das Adventure-Genre für alle Zeiten geprägt – und den Berufswunsch Pirat auf die Liste aller Gamer gesetzt.

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