Fertig sein

Fertig.

Eine humanoid anmutende Siluette aus Rauch erhebt sich aus dem riesigen Kadaver, der an diesem mondbeschienenen Strand liegt. Derselbe Strand, an dem mich der Sprössling des „Großartigen Kos“ (manche sagen „Kosm“), der jetzt eine Leiche ist, zuvor mit seiner Plazenta verdroschen hat. Wieder. Und immer wieder. Doch jetzt bleibt nur noch ein finaler Klingenhieb und auch dieser Rauch geht den Weg alles flüchtigen.

Ja, Bloodborne ist ein schwieriges Spiel. Diese Erkenntnis und die Klammer zu From-Software-Spielen im Allgemeinen ist nicht wirklich originell. Doch „Der Weisenknabe von Kos“ hat es wirklich, wirklich in sich. Super schnell, riesiges Moveset, austeilstark und ein einziger Damagesponge. Als letzter Boss des DLCs ein folgerichtiger Abschluss. Das Finale vom Finale sozusagen, das, wenn man einschlägigen Annahmen glaubt, 60% aller Spieler*innen gar nicht zu Gesicht bekommen, weil Spiele grundsätzlich überraschend selten zu Ende gespielt werden. Wobei das bei Bloodborne womöglich anders aussieht, Git-Gud-Elitarismus sei zweifelhafter Dank.

Doch, ich bin ein wenig Stolz auf diese Leistung. Es hat etwas sportliches. Die hunderte von Versuchen münden ja nicht nur in einem erlegten Bossgegner. Ich habe mir durch die ewige Wiederholung etwas angeeignet: Skill. Wie mit neu gewonnenem Ballgefühl gehe ich aus der Arena zurück in die dunklen Höhlen und erlege zwei Winterlaternen, die mich normalerweise zurück zur letzten Jägetraumlaterne schicken würden, wie im Vorübergehen. Und so geht es fast durchgehend weiter. Als ob ich einen Cheat aktiviert oder sich die Eingabelatenz signifikant verringert hätte. Keines der Monster ist so geschwind wie das gerade erlegte dünne Elend, und meine Reaktionszeit auf einem nie da gewesenen Hoch. Ich fürchte das Alte Blut nicht mehr, ich bin das Alte Blut. I am the one who knocks.

Bloß ärgerlich, dass dieser Skillgewinn mit einem Preis kommt: ich bin fertig. Habe alles gesehen, zumindest alles der dramaturgisch inszenierten Inhalte. Wie damals bei Super Mario Galaxy 2 und dem Hochgefühl nach dem Bezwingen des allerallerletzten Levels ohne einen einzigen Treffer zu kassieren. Oder auch nach dem Fund der letzten von vierhundert Riddler-Trophäen in Arkham City. Ein mittelkurzer Moment des Triumphs – und nun? Retrospektiv war Yoshi auf dem Dach des Schlosses, als er uns 100 1-Ups schenkte, nachdem wir alle 120 Sterne in Super Mario 64 gefunden hatten, geradezu zynisch. Jetzt könne man die ganze Welt noch einmal ganz ohne Verlustängste neu erleben. Naja. Oder halt ausgetretene Pfade tiefer legen.

Die Reaktionsmuskeln pulsieren vor Kraft, durch Menüs navigiere ich im Schlaf und ich kenne jedes Polygon der Welt mit Vornamen. Was für mich wie das Ende der Fahnenstange aussieht, ist für Challenge-Runner und Multiplayer erst der Anfang. Sie zeigen, wie hoch die Skillceiling wirklich ist und machen mir klar, dass ich mich nur als Riese wähnte, aber eigentlich ein Anfänger bin. Für sie bedeutet „Fertig sein“, das Tutorial abgeschlossen zu haben.

Doch das bleibt zum Glück eine Frage des Maßstabs. Und wem weitere 500 Stunden Spieltraining zusagen, dem sei das gegönnt. Ich bleibe fertig, freue mich über das hinter mir liegende Abenteuer und zeige um der Genugtuung Willen noch ein paar Momente lang den Spielbewohnern meine Überlegenheit. Und wer weiß, vielleicht nützen mir meine Erfahrungen ja im nächsten Game, auch wenn es sich wieder anders spielt. Eine Gewissheit zumindest nehme ich immer mit: Zu einem bestimmen Zeitpunkt auf die ein oder andere Art fertig zu sein.


From Software wurde mit Bloodborne 2015 fertig – der Titel ist im gleichen Jahr exklusiv für die PlayStation 4 erschienen.

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