Jahresrückblick 2022

In unserem letztjährigen Jahresrückblick sprachen wir davon, dass wir in unserem vorletztjährigen Jahresrückblick sagten, ein „komplexes Jahr“ läge hinter uns. Und dass 2021 daran angeknüpft habe. Nun, was sollen wir sagen – 2022 hat sich ordentlich ins Zeug gelegt, aus dem langen Schatten der beiden älteren Geschwister zu treten. Doch auch in der Krise haben wir dem Eskapismus gefrönt und ganz besondere Momente in Videospielen erlebt, die wir an dieser Stelle nun schon zum dritten Mal mit euch teilen möchten.

Benjamin: Sun Station (Outer Wilds)

Ich habe 2022 so viele Spiele beendet wie noch nie zuvor – 50 Stück. Auch qualitativ war es das stärkste Videospieljahr, das ich je hatte. Nachdem ich im letzten Jahr noch von einer frühen Szene aus The Last of Us Part II erzählte, beendete ich es in diesem Jahr voller Begeisterung. Mit meinen Kindern spielte ich Pikmin und dessen moderne Variante Tinykin. Ich probierte mich im Deck-Builder-Genre aus und entfachte mit Slay the Spire, Dicey Dungeons und Inscryption meine alte Magic-Leidenschaft neu. Sogar meinen 3DS kramte ich hervor und entstaubte meine VR-Brille. Indieklassiker wie Braid und Super Meat Boy wurden nachgeholt und The Forgotten City und Return to Monkey Island gar nicht erst in den Backlog gelassen. Ich habe mir ein Steam Deck gekauft und dort A Hat in Time, Spelunky und The Sexy Brutale erlebt und meine neue Xbox öffnete mir die Tore zur Game-Pass-Welt.

Metroid Dread, Disco Elysium, Doom, Kentucky Route Zero, Baba is You, Titanfall 2… Da ich aus diesen 50 beendeten und vielen weiteren begonnenen Spielen so viele Eindrücke mitgenommen habe, würde ich gern wieder ein Blitzlichtgewitter wie im Jahr 2021 abfeuern. Aber dann muss ich immer wieder an die Sun Station denken, die den brennenden Ball im Zentrum des mikroskopischen Sonnensystems von Outer Wilds umkreist.

Antworten

Outer Wilds war in vielerlei Hinsicht eine bemerkenswerte Erfahrung, aber der Moment, der sich mir aufdrängt, wenn ich an mein Spielejahr 2022 denke, ist das Öffnen der Luke auf der Sun Station.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile versucht, auf dem kleinen Objekt zu landen, das mit hoher Geschwindigkeit viel zu nahe am todbringenden Feuerball entlangsaust. Es ist wohl möglich, aber mir war es nicht möglich. Also lies ich es sein, bis ich zufällig auf eine alternative Methode stieß, die mich direkt auf die Station brachte. Zunächst wusste ich nicht genau, wo ich war, folgte einem unscheinbaren Gang und entdeckte eine der Kugeln, mit denen ich Türen öffnen kann. Die Tür öffnete sich nicht bloß, sie flog aus den Angeln und glitt ins All. Und dann stand ich dort. Direkt über der Sonne. Vor mir eine zerstörte Brücke, die die beiden Hälften der Station miteinander verbunden hatte. Dort drüben lagen Antworten auf Fragen, die mich so sehr umtrieben. Ichempfand echten Forschergeist. Und gleichzeitig fühlte ich die erdrückende Last des endlosen Weltalls. Es gab nur einen kleinen Korridor im luftleeren Raum, der mich sicher zu meinem Ziel bringen würde. Die Musik, die Erwartungen, der echte Druck im Magen vor einem Sprung über die Sonne – Nie hat sich ein Videospiel so echt angefühlt wie in diesem Moment, in dem die Luke aus den Angeln flog. Es war mein bester Moment in meinem besten Videospielejahr.


Janina: Meine missglückte Romanze mit 007 (AI Dungeon)

Eines der vorherrschenden Themen 2022 waren KI-generierte Bilder und Texte. Belächelt, bestaunt, bekämpft – man kann ihnen zumindest nicht vorwerfen, dass sie keine Emotionen hervorgerufen hätten. Auch wenn man an dieser Entwicklung viel kritisieren kann, haben sie bei mir für ziemliche Lacher gesorgt. Deshalb schreibe ich meinen Jahrersrückblicks-Videospiele-Moment in Kooperation mit AI Dungeon auf.

In AI Dungeon kann man wie in einem klassischen Text-Adventure mit der KI interagieren, die die komplette Welt inklusive Charakteren, Quests und Dialogen generiert. Nur die fetten Prompts stammen von mir. Dieser Ausschnitt war das Finale einer Geschichte, in der ich als Geheimagentin vom US Präsident nach London geschickt wurde. Ich sollte James Bond treffen. Und weil ich genug James Bond Filme gesehen habe, um zu wissen, wie das läuft, war mein Ziel natürlich klar, dass es zu romantischen Verwicklungen kommen musste!


Du siehst einen schwarzen Sportwagen. Er glänzt sehr. Du siehst James Bond aus dem Auto steigen.

Du sagst: „Hallo Mr. Bond.“

James Bond dreht sich um und bemerkt dich. Er lächelt. „Hallo“, sagt er. James Bond geht auf dich zu. „Ich denke, sie sollten besser mit mir kommen.“ James Bond öffnet die Tür seines Sportwagens. „Bin ich verhaftet?“, fragst du. „Noch nicht“, sagt James Bond.

Du steigst in seinen Sportwagen. Das Innere des Sportwagens ist sehr glänzend. James Bond wirft den Motor an. Er fährt von dem Parkplatz herunter.

Du sagst: „Ist es heiß hier drin? Oder liegt das an mir?“

James Bond sieht dich an. „Tut mir leid“, sagt er. „Die Klimaanlage ist kaputt.“ Du schwitzt. Dir fällt auf, dass das Armaturenbrett des Sportwagens sehr modern ist. Das Radio ist AM/FM. Die Klimaanlage funktioniert.

Du sagst: „Aber die Klimaanlage funktioniert.“

„Ja“, sagt James Bond. Du bemerkst einen CD-Spieler im Armaturenbrett. James Bond schaltet den CD-Spieler ein. „Was ist das?“, fragst du. „Das ist eine CD aus der MI6-Musik-Sammlung. Ich habe sie mir von dort ausgeliehen.“

Du sagst: „Wie heißt dieses Lied?“

„Ich weiß es nicht. Es ist eines ihrer neuen Lieder. Sie können mitsingen.“ James Bond schiebt die CD in den Player. Das Lied heißt „Baby Love“.

Du sagst: „Das ist romantisch.“

„Es ist ein Liebeslied“, sagt James Bond.
Du singst mit.
Das Lied ist traurig.
Das Lied ist schön.
Das Lied ist romantisch.
Das Lied ist fantastisch.
Das Lied ist traurig.
James Bond hält den Wagen an.

Du beißt James Bond auf romantische Weise in den Nacken.

James Bond stirbt.
Das Auto hat angehalten.
Aus dem Radio ertönt „Baby Love“.
Der Motor ist kalt.
Die Welt da draußen ist kalt.
Es gibt keine Klimaanlage.

– THE END –



Mirko: Hot Air Balloon (Overcooked 2)

Für Co-Op-Multiplayerspiele hab ich was übrig. Gemeinsam Richtung Ziel arbeiten, fluchen und siegen ist ein einzigartiges Spielerlebnis. Für viele Games bedeutet dieses „Gemeinsam“ in erster Linie dasselbe zur gleichen Zeit zu tun. Overcooked und sein zweiter Teil sind bemerkenswerte Ausnahmen. „Gemeinsam“ bedeutet hier, sich beim Spielen zu ergänzen, zu supporten und vor allem, eine gemeinsame Sprache zu finden.

„Wir brauchen zwei Salatköpfe, eine Tomate, eine Gurke“ – „Salat fertig“ – „Tomate ist drauf“ – „Brauche saubere Teller“ – „Zwei neue Teller gleich bei Dir“. Mit meiner Freundin spiele ich Level 1-6, „Hot Air Balloon“, von Overcooked 2. Wir sind mittlerweile ein eingespieltes Team, wissen im Schlaf, wie Burger, Fritten und Suppen gemacht werden, und dieses Level zeigt sich überraschend zahm. In einem überdimensionalen Korb eines Heißluftballons sollen wir Salate zubereiten. Ein paar kleinere Funken, die das Laufen erschweren, können uns nicht aus der Ruhe bringen. Wir schnibbeln und servieren Teller voller Grünzeug als gäbe es kein Morgen mehr. Als der Himmel sich verdunkelt, die Musik dramatischer wird und sich bei der Schunkelei die ein oder andere Arbeitsfläche verschiebt, lächeln wir nur siegesgewiss. Bis sich exakt in der Halbzeit des Levels mit einem Crash alles ändert.

Mit dem Ballon sind wir direkt in eine Sushibar gestürzt. Das mit dem sich-nicht-aus-der-Ruhe-bringen-lassen wird nun auf die Probe gestellt. Wir müssen sowohl den Betrieb der neuen Küche übernehmen, also Sushi zubereiten, als auch den noch anhaltenden Salathunger der vorigen Bestellungen stillen. Nebenbei brennt die Hütte; so ganz ohne ist so ein Ballonabsturz eben auch nicht.

Wir löschen, spülen, kochen, rollen, liefern. Die ganze Szenerie ist so absurd, dass wir ständig lachen müssen. Auf dem schmalen Grat zwischen elegantem Können und planloser Hektik reißen wir uns zusammen und servieren uns zum Ende des Levels – und erreichen genügend Punkte für einen Zwei-Sterne-Abschluss. Wir möchten dieses Level nochmal spielen. Für den dritten Stern und für den überbordenden Spaß.

Exakt so hat es sich zugetragen

Overcooked 2 hat es mit diesem Level geschafft, zwei Menschen in ein Wechselbad der Gefühle zu werfen, ohne sie aus dem Flow zu bringen. Mit einem Feuerwerk des Absurden hat es uns hungrig auf mehr gemacht. Deswegen ist das Level „Hot Air Balloon“ mein Spielmoment des Jahres 2022.


Sven: Top 10 »Moment«e in Vampire Survivors

1) Moment, dafür, dass mir dieses »Vampire Survivors« gerade so sehr ans Herz gelegt wurde, sehen die Screenshots jetzt aber gar nicht mal so geil aus. Aber hey, es kostet ja nur ein paar Euro. Wie sagt man immer so schön: Gönn dir.

2) Moment, vier Stunden? Kann ja gar nicht sein. Wo ist denn die Zeit abgeblieben?

3) Moment, schon alle Errungenschaften? Aber gut, ist ja auch »Early Access«. Ich kann ja weiterspielen, wenn es Updates gibt.

4) Moment, wieso habe ich denn jetzt doch wieder zehn Stunden in wenigen Tagen gespielt, obwohl es gar keine Updates gab? Macht das Spiel etwa EINFACH SO spaß? Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Darf man das überhaupt noch?

5) Moment, schon wieder ein Update? Schon wieder neue Errungenschaften? Schon wieder neue Gegenstände? Schon wieder neue Charaktere? Geht das jetzt wöchentlich so weiter? Langsam wird es dreist.

6) Moment, man kann recht einfach die Sprites im Spiel austauschen und durch eigene ersetzen? Dann weiß ich ja, was ich in den nächsten Tagen machen werde.

7) Moment, hundert Stunden?

8) Moment, Version 1.0 ist draußen? War das Spiel nicht schon fertig? Nein? Noch mehr Zeug? Ja, OK, Leben, dann ist das eben so. Wir sehen uns auf der anderen Seite.

9) Moment, war es das jetzt wirklich? 100%. Alle Errungenschaften. Alles freigeschaltet. Fertig. Na gut, eine Runde noch, aber dann ist wirklich gut. Man kann ja nicht nur…

10) Moment, es gibt DLC?


Thomas: Back to the roots (Persona 5)

Das Jahr 2022 steht für mich retrospektiv für die (hoffentlich permanente) Abkehr vom Dauersuchten irgendwelcher Service-Games (Grüß dich, Destiny!) und die Rückkehr zum gemütlichen Konsum ausartender Singleplayer-Epen. Schließlich habe ich auf diese Weise den Großteil meiner Gamerjahre verbracht und genossen. 2022 hieß es daher: ran an den Pile of Shame und die größten Brocken zuerst. Nach dem obligatorischen Jahresbeginn mit Elden Ring standen unter andererem The Witcher 3 inkl. AddOns, diverse Pokémon-Titel und last but not least Persona 5 auf dem Programm. Letzteres markierte auch meine Rückkehr zum JRPG – eines Genres, das ich ca. die letzten zehn Jahre überhaupt nicht mehr bespielt hatte. Zahlreiche Freunde bescheinigten Persona 5 allerdings den Status eines absoluten Ausnahmespiels, eines DER Vorzeigetitel der abgelaufenen Spielegeneration – vor allem aufgrund seiner bahnbrechenden Geschichte. Mit der Ankunft der beliebten Franchise im Game Pass war Ende Oktober schließlich klar: Persona 5 bekommt eine Chance. Und meine Güte hat es diese Chance genutzt.

Ich als JRPG-Teenie.

Etwa 97 Spielstunden später befinde ich mich zum Jahreswechsel mitten im DLC des Spiels, der nach dem eigentlichen Ende der Hauptstory angedockt ist. An besonderen Momenten mangelt es dem Titel keineswegs, aber der Storytwist kurz vor (Ingame-)Weihnachten hat mich nach langer Zeit mal wieder echte Begeisterung für die Geschichte eines Videospiels spüren lassen und hat für langwierige Google-Eskapaden gesorgt um genau zu verstehen, was dort eigentlich abgelaufen ist. Zwar kommt auch Persona trotz seiner modernen, in der Gegenwart angesiedelten Aufmachung nicht um zahlreiche übernatürliche JRPG-Tropes herum (SPOILER: Grüß dich, allmächtige Gottheit, die im Hintergrund die Fäden zieht), mit seinen behutsam aufgebauten Wendungen und diesem Knallertwist zum Schluss würde die Story aber sicherlich auch als Serienepos im TV gut funktionieren. Ohne auch nur ansatzweise zu erwarten, dass andere JRPGs diese Erfahrung zeitnah wiederholen können, habe ich mir für 2023 klar vorgenommen, dem Lieblingsgenre meiner Teenie-Jahre wieder mehr Zeit zu widmen. Tropes hin oder her, das Gefühl von einer klischeebeladenen Geschichte Stunde um Stunde tiefer eingesogen zu werden und irgendwann richtig mitzufühlen, habe ich ja doch irgendwie vermisst.


Hiermit wünschen wir all unseren Leser:innen ein frohes neues Jahr mit vielen schönen, erinnerungswürdigen Momenten! Unser guter Vorsatz ist, euch 2023 jeden Sonntag mit einem frischen WALL JUMP Text zu überraschen, und wir freuen uns, wenn ihr uns dabei begleitet.

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