Ich, Drachentöter

Zugegeben, ich war vielleicht etwas überlevelt, als ich dem Drachen Agheel auf dem gleichnamigen See die Stirn bot. From Software hatte mich bereits an zwei bis drei Bossen gegen Wände rennen lassen. ich wollte wenigstens dieses Mal den erfolgreichen „First Try“ nicht dem Zufall überlassen.

Elden Ring ist das erste Soulsborne, das ich in seiner Hochphase des Hypes spiele. Dieser Hype ist wie die Souls-Titel selbst eine emotionale Berg- und Talfahrt. Während die Reviews sich überschlagen und das Offensichtliche benennen (ist halt schwer, ne?), liegen Tipps und Tricks auf einem Spektrum von No-Shit-Sherlock bis Danke-fürs-Spoilern. 

„How to beat Flying Dragon Agheel“ wurde mir zwar bei Youtube nachdrücklich angeboten, aber meine innere Spoiler-Firewall war bereits aus der Beta-Phase raus. Ich wusste, diesen Drachen wollte ich eigenständig erlegen. Und da stand ich nun. In diesem sumpfartigen See, der an keiner Stelle wirklich tief zu sein schien. Mein Ritter auf einem Pferd, ein Schild in der linken, ein Schwert in der rechten Hand. Ein feuerspeiender Drachen. Ein Ritter. Ein See. Ein Pferd. Ein Schwert. Irgendwas roch streng nach Liedern über Siegfried, Kriemhild und Hagen.

À propos das Offensichtliche benennen: Dark Fantasy ist auch nur Fantasy. Elden Ring, für viele die lang herbeigesehnte moderne Schmelzmasse aus allen FromSoft-Titeln der letzten zwei Dekaden, ist eine Oldschool-Erzählung. Wo nicht direkt Dark Souls drauf steht, wird unverkennbar Breath of the Wild gekapert, und das ist bereits das Back-to-the-roots-Plagiat seines eigenen Originals von 1986. Zumindest was die Idee angeht, eine Abenteuerreise interaktiv zu erzählen, ohne der spielerischen Neugier im Weg zu stehen.

Selbst die Welt und ihre  Geschichte sind irgendwie „alt“. Es geht um Götter und Magier, Schwerter, Schilde, Fackeln, Mönche, Glauben, mit alter Sprache, anmutig kryptisch und im Pluralis Majestatis erzählt. Wie das halt so ist, bei mittelalterlichem Fantasysetting. Die meisten Bewegungsabläufe sind nachvollziehbar behäbig, schließlich ist alles groß und wuchtig und von Muskelkraft oder göttlichem Willen angetrieben.  Ausgerechnet damit will Elden Ring die Party des Jahres für modernes Spieldesign geben?

Als Agheel auf den See zuflog, krachend und kreischend landete, mein Lock-On griff und ich auf meinem Ross mit erhobenem Schwert auf den Giganten zuritt, konnte ich nur noch feststellen: Es ist nicht nur die beste Party, es sind auch die geilsten Leute eingeladen und das Buffet ist mehr als üppig. Bevor ich diese Analogie zu Ende denken konnte, öffnete das Vieh sein Riesenmaul und verwandelte die Wasseroberfläche in eine Feuersbrunst, der ich so gekonnt entging, als hätte ich monatelang nichts anderes gemacht. 

Während sich die Musik in dramatischen Choralgesängen aufbäumte, fauchte der Drachen, flog auf und nieder, schleuderte sich mir entgegen, wollte nichts anderes als mich tot sehen. Doch mein ständiger Wechsel zwischen Rennen und Ducken, Distanz aufbauen und verkürzen, Dogde-rollen, Reiten, Magie-Pfeile feuern und Sprungattacken zeigte ganz klar, wer hier der Mensch und wer die KI war. 

Nach fünf epischen Minuten war Agheels Lebensleiste ein Ding der Vergangenheit und der geflügelte Riese löste sich mit einem letzten Schrei in Rauch und Runen auf. Die Musik verstummte. Eine Ruhe machte sich über dem See breit. Ich immer noch auf meinem Reittier. Stolz wie Oscar. Ich wollte applaudieren, aber nicht mir selbst, sondern der Inszenierung des Spiels und wie es mich dazu gebracht hatte, ohne Proben bei diesem Auftritt die Hauptrolle zu spielen. 

Vielleicht ist es auch das, was manche Analysen in vielen Worten auszudrücken versuchen, wenn sie Soulsbornes und Soulslikes erfassen wollen. From Software gibt uns, den Menschen am Controller, die Hauptrolle. Nicht seinen CGI-Cutscenes, nicht seiner Haarphysik, nicht einmal die Story drängt sich groß auf – im Gegenteil, man muss sie kleinteilig wie ein Puzzle zusammen suchen. Was ich dafür nie suchen muss ist die gigantische Bühne samt Ensemble und Statisten für meine ganz persönliche Heldengeschichte. Eine, wie nur ich sie erleben kann. Jedes Scheitern und jeder Erfolg, jedes bisschen decodieren von Lore und Mechanik eine weitere Seite meiner Abenteuersaga. Siegfried und Hagen sind ein Witz dagegen.


Elden Ring, erschienen 2022, ist das bislang umfangreichste Werk der Dark-Souls-Macher From Software. Es ist sein eigenes Biest, das viele Learnings aus From Softwares eigenen Titeln und auch auffälligerweise aus The Legend of Zelda: Breath of the Wild und, wenn man so will, auch Skyrim vereint. Kritiker*innen sind begeistert, und die polarisierte Debatte um den Schwierigkeitsgrad, die Zugänglichkeit und Kryptik des Spiels wird, wie bereits bei der Dark-Souls-Reihe zuvor, noch Jahre anhalten.

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