Durch den Monsun

Der Herbststurm ist gewaltig. Von allen Seiten einfallender Regen, eine diffus dröhnende Geräuschkulisse und der Graufilter zwingen alle Menschen zur Einigelung. Jeder nur fokussiert darauf, irgendwie durchzukommen. Möglichst trocken, möglichst intakt. Keine Blickkontakte, kein Lächeln, kein Schlendern – alle im Tunnel. Ich versuche, auf dem viel zu nassen Display meines Smartphones das digitale Ticket zu lösen. Die Tropfen auf dem Handy und der alltagsmaskeninduzierte Beschlag meiner Brille lassen mich kaum die Schaltflächen ausmachen, die meine nassen Finger dann ohnehin nicht betätigen können. Ich bin hundemüde. Es ist viel zu früh, meine Hose ist durchnässt, meine Schuhe auch, ich will nicht arbeiten und es war eine dumme Idee, auch noch meine Switch-Tragetasche mit mir herumzuschleppen. In der Bahn wird es eh zu voll und zu nass dafür sein. Irgendwie kaufe ich das Ticket, irgendwie gelange ich mit all meinem Plünn in die Bahn. Ich funktioniere. Gerade so. Alle, die wie ich sonst mit dem Rad fahren, versammeln sich zur gemeinsamen Qual in dem Metallschlauch, der uns zu unserer jeweiligen Destination bringt. Und obwohl es sich um eine Schicksalsgemeinschaft handelt, in der es allen gleich schlecht geht, sollen sie alle raus aus der Bahn, in den Regen, ist mir egal, geht einfach!

Ich finde einen Sitzplatz, positioniere den nassen Schirm so, dass er die Gesamtsituation für alle Beteiligten möglichst wenig weiter verschlimmert und atme ein paar Mal durch. Ich knete mein Gesicht im aussichtslosen Versuch, wacher zu werden oder zumindest mit der Müdigkeit klar zu kommen. Die Fahrt ist recht lang. Ich packe die Switch doch aus. Kaum Spiele installiert. Keines eignet sich für die Bahnfahrt. Die Switch ist nur Ballast. Was soll’s. Ich wähle das Spiel #racedierun. Es ist totaler Quatsch. Ich habe die letzten vier Abende im Bett erfolglos damit verbracht, die neunzehnte Strecke dieses Hardcore-Future-Racers zu absolvieren. Ich werde es nicht ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier schaffen.

Die Strecken in #racedierun sind zwischen 15 und 30 Sekunden lang. Kurze Höllenparcours, die präzises Manövrieren und pixelgenaue Sprünge bei Höchstgeschwindigkeit verlangen. Kein Spiel zum Einschlafen. Erst recht kein Spiel für eine Bahnfahrt durch einen Herbststurm. Aber vielleicht klappt es. Ich kenne den Effekt, dass Aufgaben, an denen man sich lange festbeißt, nach einer Pause plötzlich gelingen.

Neben mir sitzt eine leere Hülle von einem Menschen. Ein Mädchen mit übellaunigem Gesicht und Kopfhörern, aus denen trotzdem in Zimmerlautstärke generischer Techno dringt. Vermutlich betäubt sie damit ihre Unzufriedenheit über den bisherigen und kommenden Tages- oder Lebensverlauf. Aber die an sich unerträgliche Musik untermalt ganz gut meinen Futureracer, denn ich habe keine Kopfhörer dabei und würde im Gegensatz zu ihr meine Mitmenschen nicht mit solchen Tönen belästigen. Aber nun greife ich ihren Sound ab und fühle mich mit ihr verbunden, ohne dass sie etwas davon merkt.

Ich erinnere mich an die schmerzenden Hände der vorigen Abende. Sie hatten sich bei den insgesamt rund 300 Versuchen, diese Strecke mit den Joy Cons der Switch zu schaffen, ein ums andere Mal verkrampft. Nun würde ich 50 weitere Versuche hinzufügen und keinen Fortschritt erzielt haben, wenn ich bei der Zielhaltestelle ankomme. Trübe Aussichten für einen tristen Tag.

Erster Versuch. Klappt erstaunlich gut. Die Konzentration stimmt, ich komme kurz vor die Stelle, über die ich bisher nicht hinaus kam. Zweiter Versuch. Fahriger Fehler gleich zu Beginn, mein Gleiter kracht in irgendwelche ockerfarbenen Hochhäuser unter der dünnen Schiene, auf der ich landen wollte. Das Technomädchen steigt aus. Sie scheint uns alle zu verachten. Ich hoffe, dass ihr Tag gut wird. Dritter Versuch. Ich rausche durch. Bis ins Ziel. Sogar durch mir bis dahin unbekannte Passagen. In einem Spiel, das von Auswendiglernen und schnellen Reaktionen lebt; von einer ruhigen Hand und höchster Konzentration.

rdrun
Linksrum oder rechtsrum? Zu spät entschieden. Du bist leider tot.

Ich hatte keine ruhige Hand. Das Bahngeruckel wirkte wie ein Hard Mode. Ich war nicht auf der Höhe, sondern völlig verballert und übermüdet. Ich hatte keine Ruhe, sondern kaltes U-Bahn-Licht, eine durchnässte Jeans und lauter Leute um mich herum. Ich hatte nicht mal generischen Techno. Aber ich war am Ziel. Nach nur drei Versuchen. Ich bin heil durch den Sturm gekommen.

Danach rauschte ich auf der Welle der Euphorie durch vier weitere, mir bis dahin unbekannte Level. Und auch meine U-Bahn bretterte weiter mit mir und all diesen anderen Seelen durch den fiesesten Herbstmorgen, den man sich vorstellen kann. Alle waren missmutig. Ich fühlte mich großartig. Das Gehirn ist ein sonderbares Organ.


#racedierun erschien 2019 exklusiv für Nintendo Switch und bietet 75 dieser kurzen Parcours. Es verzichtet auf Runden, Gegner oder Waffen und ist somit kein Rennspiel, sondern ein Reaktionstest und kann entsprechend wilde Konstruktionen bauen, die in einem echten Racer ein Grund wären, die Konsole aus dem Fenster zu werfen.

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