Folgerichtig

Portal ist kein besonders musikalisches Spiel. Es gibt vielleicht eine Hand voll Momente, in denen sich ein instrumentales Thema durch die glattwändige Laboratmosphäre nach vorne schiebt. Die aber entfalten, natürlich, eine umso größere Wirkung.

Minimalismus und Kontrapunktion allein sind keine außergewöhnlichen Kunststücke, auch wenn Portal diese wirklich enorm gut beherrscht. Nein, musikalisch Außergewöhnliches bringt das Spiel kurz nach seinem Klimax, mit dem Abspann-Titelsong „Still Alive“.

This was a triumph
I making a note here: Huge success
It’s hard to overstate
My satisfaction.

Wer Portal kennt, kennt die künstliche Intelligenz GLaDOS und wer GLaDOS kennt, wundert sich eigentlich nicht mehr über den Zynismus und die Absurdität ihrer Sprache. Die kühl-gebrochene Roboterstimme, die hier über Erfolg, Zufriedenheit und später auch Mord und Kuchen singt, ist von ihr.

Das allerdings kann ja gar nicht sein, schließlich habe ich der antagonistischen KI in einer großen Explosion gerade noch den Gar aus gemacht. Kurz nachdem ich kapiert hatte, dass das mit dem versprochenen Kuchen nicht ganz der Wahrheit entsprechen könnte, singt GLaDOS aus dem Maschinen-Jenseits zu mir. Bäm, das ist meta, denke ich, und auch etwas unheimlich, aber furchtbar witzig und äußerst charaktertreu.

GLaDOS, oder vielmehr die Stimme von Sängerin und Schauspielerin Ellen McLain, trällert hier halb menschlich, halb gepitcht fast eine Art Kinderlied. Der Song selbst stammt von Jonathan Coulton, ein Seattler Singer/Songwriter, der nicht zum letzten Mal zu einem Valve-Titel Musik beisteuern sollte. Das ganze erinnert an sanften Poprock aus den Neunzigern, vielleicht etwas OK Go, vielleicht ein wenig fröhlicher Highschool-Punkpop. Simple Melodien, Betonung auf eins und drei, fast ein Schlager. Aber vor allem ein Song voller Parts, die nicht mehr aus dem Kopf wollen, der zu jeder Zählzeit unweigerlich mitwippt.

Aperture Science
We do what we must
Because we can.
For the good of all of us.
Except the ones who are dead.

Während das Lied spielt, flimmert der Text im Ascii-Style animiert neben den Credits über den Bildschirm. GlaDOS mag eine sadistische und manipulative Furie sein, aber immerhin erläutert sie, warum sie es tut: Weil sie es kann. Eines von vielen Credos der Postmoderne, könnte man meinen. Wer hier keine Kulturkritik wittern will, werfe das erste Smartphone.

„Still Alive“ ist die Quintessenz eines Sammelsuriums von Widersprüchen: Eine Maschine mit Emotionen, eine Wiederauferstehung, ein Schrödingers Kuchen, eine Täter-Opfer-Umkehr, eine lieblich singende Antagonistin als Belohnung für einen erfolgreichen Bosskampf. Bei so viel Metaebenenchaos fällt fast gar nicht mehr auf, wie außergewöhnlich allein schon die Entscheidung für das klassische Lied ist, mitsamt A-Teil, B-Teil, Bridge und Refrain. Denn normalerweise sind mehr oder weniger bombastische Instrumentalstücke bei den Credits zu Hause. Nicht so bei Portal.

I’m not even angry.
I’m being so sincere right now.
Even though you broke my heart.
And killed me.

Womöglich steht GLaDOS für mehr als nur ihre Rolle im Spiel. Als Coulton den Song schrieb, stattete Valve ihn mit umfangreicheren Hintergrunderzählungen über die KI aus, weit mehr als der Teil, den das Spiel erzählt. Die klassische Erzählung um die verrückt gewordene Maschine macht sich ja in der Regel außer über die Moral („bitte nicht nachmachen!“) und manchmal auch über die Identität („bin ich ein Mensch?“) kaum sonstige Gedanken. GLaDOS und Portal hingegen nehmen diese Idee vom Zauberlehrling als Prämisse und sinnieren seelenruhig über eine Welt, in der omnipotente KIs selbstverständlich sind und Absurditäten zur Normalität werden, wenn man die Definitionshoheit über beides hat.

I’m doing science and I’m still alive
I feel FANTASTIC and I’m still alive
And while you’re dying I’ll be still alive
And when you’re dead I will be still alive

Mit Sicherheit, der vordergründige und perfekt getimete Meta-Humor ist verantwortlich, dass GLaDOS aus Portal vielen Spielenden besser im Gedächtnis geblieben ist als ein ganzer Reigen anderer Gaming-Bösewichte. Doch diese Erklärung alleine griffe zu kurz. Denn GLaDOS‘ Wesen ist nicht nur witzig und grausam, es ist auch nachdenklich, verletzlich, offenbarend, zerrissen und, betrachtet man die oberen Songzeilen, besorgniserregend taumelnd auf einem schmalen Grat zwischen Egozentrik und Hilferuf. So, als müsse es ein Trauma bewältigen. So, als wäre „Still alive“ zu sein, die absolute, aber folgerichtige Konsequenz. Genau wie der Song selbst den folgerichtigen Abschluss zu diesem außergewöhnlichen Spiel markiert.


Portal erschien 2007 in der Orange Box zusammen mit Half Life 2: Episode Two und Team Fortress 2. Die Idee zu Portal kam ursprünglich vom Indie-Team Nuclear Monkey Software, das Valves Aufmerksamkeit mit ihrem Spiel Narbacular Drop gewann, in dem die Portal-Mechanik prominent vertreten war. Valve kaufte das Team kurzerhand ein und der Rest ist Videospielgeschichte. Das umfangreichere und aufwendiger produzierte Portal 2 folgte 2011. Auch für diesen Ableger komponierte Jonathan Coulton den Abschluss-Titelsong „Want you gone“, natürlich wieder aus GLaDOS‘ Perspektive.

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