Gemeinsam durch die Spinne

Lass uns die Brücke überqueren, wenn wir dort ankommen. Obwohl es hilfreich sein kann, sich dieses alte Sprichwort gelegentlich zu vergegenwärtigen, wird es öfter genutzt, um ungelöste Probleme so lange es geht beiseite zu schieben.

Ich hatte in jüngeren Jahren eine ausgewachsene Arachnophobie. Und je ausgewachsener der Arachnid war, umso ausgewachsener meine Angst. Außerdem hatte ich in jüngeren Jahren große Probleme mit dem Horrorgenre. Und nicht zuletzt war ich in jüngeren Jahren… jünger. Zusammengenommen sind das nicht die besten Voraussetzungen, um sich an Resident Evil 2 zu wagen. Als das Spiel im Jahr 2000 für das Nintendo 64 erschien, wollte ich es dennoch wagen, weil ich schon seit vielen Jahren fasziniert von der Reihe war. Und weil ich Janosch kenne, weiß ich, dass man gemeinsam alles überstehen kann. Und so machte ich mich bei helllichtem Tag mit meinem Kumpel Robert daran, die Angst zu überwinden und der Faszination Raum zu geben.

Robert und mich verband neben einer langjährigen Freundschaft die Arachnophobie und die allgemeine Schisserhaftigkeit. Anstatt uns also gegenseitig Mut zu machen, steigerten wir uns immer tiefer hinein in die Furcht vor der Begegnung mit Riesenspinnen, denn wir wir hatten gehört, dass sie irgendwo auf uns lauern würden.

Resident Evil 2 ist ein kurzes Spiel, wenn man nur eine Kampagne spielt und die ersten Stunden des Spiels waren nicht nur spinnenfrei, sondern bereiteten uns erstaunlich viel Spaß. Anstatt unsere jugendlichen Grenzen mit einem berüchtigten Horrorschocker auszutesten, erlebten wir einfach ein sehr gutes Videospiel. Mehr begeistert als ängstlich erkundeten wir die Polizeistation – zwar mit Respekt vor manchem Unhold wie dem teuflischen Licker – aber mit noch mehr Freude an explodierenden Zombieköpfen, dem gelungenen Layout der Spielwelt und der angenehmen Grundspannung, die über dem Spiel lag.

Nach mehr als der Hälfte der Gesamtspielzeit verließen wir die Polizeiwache und erreichten die Kanalisation. Robert spielte in diesem Moment und als er sah, wo wir waren, drückte er auf Pause und legte den Controller auf den Boden. Wir beide wussten sofort, dass dies der Ort sein musste, an dem die Spinnen lauerten. Wir waren an der sprichwörtlichen Brücke und erst jetzt überlegten wir uns, wie wir sie überqueren konnten. Wir hatten es schon so weit geschafft, aber Aufgeben war eine absolut realistische Option. Doch wir fassten Mut, wählten die Schrotflinte aus und schon füllten bildschirmgroße Spinnenbeine den Fernseher. Pause. Vorbeilaufen wäre möglich gewesen, aber dazu hätten wir näher rangemusst. Wieder die Diskussion. „Du musst einfach raufballern, die ist noch weit weg. Einfach ballern.“ Gesagt, getan. Die wertvolle Schrotmunition knallte durch die Gänge der Kanalisation und tatsächlich – irgendwann war das Monstrum erlegt, ohne dass es uns je berührt hätte.

Die Freude währte nur kurz. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass der Spinnenleib nicht verschwinden würde. Auf dem Rücken liegend und mit den Beinen noch immer wild zuckend lag das fette Tier im Weg. Pause. Diskussion. Eine Idee: „Wir gehen die Leiter wieder hoch und wenn wir zurück kommen, ist sie sicher weg.“ Clever. Wir kletterten die Leiter hoch. Wir kletterten die Leiter runter. Die Spinne lag unverändert zuckend am Boden. Wieder waren wir kurz vor dem Abbruch. „Sie ist doch schon tot, Alter, du musst nur noch durchlaufen!“ „Lauf du doch durch, wenn es kein Ding ist!“ Wir konnten es beide nicht. Es ging nicht. Das Projekt war gescheitert. Dann kam uns die rettende Idee.

Die ersten drei Resident-Evil-Teile sind bekannt für die sonderbare „Panzer-Steuerung“, bei der man die Spielfigur ausrichtet und diese dann per gehaltenem Knopf in die Richtung bewegt, in die sie schaut. Einen Knopf gedrückt zu halten, erschien uns nicht schwierig. Leichte Nachjustierungen vorzunehmen auch nicht. Und so teilten wir uns auf. Einer zentrierte die Spielfigur, gab das Kommando und der andere drückte einfach nur einen Knopf. Als wir die Spinne passierten, stießen wir einen amüsierten Laut des Entsetzens aus und feierten. Die berüchtigte Panzer-Steuerung und unsere Kooperation hatten uns gerettet. Wir bogen selig um die Ecke und standen vor der zweiten Spinne.


Resident Evil 2 erschien bereits 1998 für die PlayStation und war mit dem N64-Release im Jahr 2000 mein erstes Resident Evil. Als fünf Jahre später Teil 4 erschien, war ich nicht nur älter und weniger arachnophob, das Spiel verzichtete auch auf Spinnen aus. Vor knapp zwei Jahren spielte ich das grandiose Remake von Teil 2. Mit Spinnen habe ich heute keine Probleme mehr. Und doch versuchte ich, nachdem ich die beeindruckende Grafik des ersten Trailers gesehen hatte, wochenlang herauszufinden, ob die Spinnen es ins Remake geschafft hatten. Ich war letztlich sehr erleichtert, dass dem nicht so war und konnte das Remake in vollen Zügen genießen.

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