Der Klang weniger Herzen

Es ist eine Frechheit. In Momenten höchster Konzentration und dichtester Atmosphäre, in den tiefsten Tiefen eines alten Verlieses, zu mysteriösen aber doch seltsam melodisch-vertrauten Klängen wagt man sich weiter vor und saugt die Atmosphäre auf – ein Moment der Anspannung und totaler Immersion. Die Hände schwitzen. Doch dann macht man einen Fehler und fortan plärrt die Sirene dieses grauenvollen Sounds aus den Lautsprechern und hämmert mir ins Gehirn: HALLO! DU SPIELST EIN VIDEOSPIEL! UND DU STIRBST BALD!

Ich hasse das Geräusch, das Zelda-Spiele machen, wenn ich nur noch wenig Lebensenergie habe. Es ist nicht einfach irgendein Geräusch, das da bis in die Unendlichkeit wiederholt wird. Es ist ein Geräusch aus der Hölle, das plärrt und fräst und nicht lockerlässt, bis man endlich seine Herzen aufgefüllt hat. Ob im beinharten Schildkrötenfelsen von A Link to the Past oder im gruseligen Schattentempel aus Ocarina of Time: Die dichte Stimmung ist dahin, so als ob man im schönsten Konzert neben dem besoffensten Fan steht, der immer dasselbe Wort in Richtung Bühne grölt und dabei mit seinem verschwitzten, nackten Oberkörper alles andere tut als den Mindestabstand einzuhalten.

Ich weiß auch nicht, was das Drama soll. Es ist spätestens seit dem Nintendo 64 nicht mehr wirklich mit unangenehmen Sanktionen verbunden, in Zelda-Spielen zu sterben. Und es passiert auch fast nie. Ein dezentes Pulsieren der Herzleiste würde locker reichen. Aber Nintendo zieht das durch. Vom ersten NES-Abenteuer bis zu Breath of the Wild. Unbeirrt werde ich darauf hingewiesen, dass Link vermutlich bald in Ohnmacht fällt. Wenn es nur ein paar Mal ertönen würde, könnte es der jeweiligen Gefahrensituation zusätzliche Dringlichkeit verleihen und den Spieler nervös machen. Aber der verdammte Ton verfolgt mich auch noch, wenn ich nach dem Kampf eine halbe Stunde durch den Dungeon irre, ohne einer weiteren Gefahr ausgesetzt zu sein. Da ist das bisschen Adrenalin längst verbraucht und ich bin nur noch genervt. Allerdings hat es einen interessanten Effekt: Ich bin viel mehr bemüht darum, nach Herzen Ausschau zu halten. Nicht, weil ich mich wirklich vor dem Ableben fürchte, sondern nur, damit der Sound endlich aufhört. Vielleicht ist das Absicht und Nintendo ist mal wieder genial.

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