Es ist halt kein Glücksspiel

Tief im Ruhrgebiet, genauer gesagt in Bochum, gibt es ein Einkaufszentrum, in dem ein Kino mit neun Sälen verbaut ist, das wie viele Franchise-Unternehmen ein wenig lieblos auf klebrigen Konsum und belanglose Kassenschlager setzt. In aller Unregelmäßigkeit an manchen Samstagen aber kann man aus Saal drei blaue Panzer zischen und erwachsene Menschen fluchen hören. An diesen Samstagen in 2017, also damals, vor der Pandemie, bringen zwei Mitarbeitende des Kinos Mario Kart 8 als Turnierveranstaltung auf die große Leinwand. Und ich bin dabei.

Für einen Samstag stehen ich und meine Freundin viel zu früh auf, machen uns so frisch es geht und auf den Weg in diese Mall mit diesem Kino. Nicht ohne kurz vorher noch ein paar Warm-Up-Runden auf der eigenen Wii U zu drehen. Ein feiner Balance-Akt zwischen sich-fit-machen und sein-Pulver-bereits-verschießen: Einmal Yoshi’s Circuit und einmal Neo Bowser City sollen für den Moment reichen.

Ein paar Freunde und ein paar unbekannte Gesichter sind schon da als wir ankommen, tauschen Erwartungen aus, schließen Sportswetten ab und trinken Kaffee. Den brauch ich jetzt auch. Das Kino ist naturgemäß um die Zeit eher leer und der Kaffee ist schnell bestellt. Ich spreche beim Schlürfen mit Chris und Jenny, die mich überhaupt erst mit den Tiefen des Spiels und diesem Turnier vertraut gemacht hatten. Da wir dem Klischee entsprechend überwiegend männlichen Geschlechtes sind, bin ich glücklich über Jennys Teilnahme und über den seelischen Support meiner Partnerin, der sich als unverzichtbar herausstellen soll. Wir zeigen unsere Tickets vor und werden vom Concierge in den Kinosaal gebeten.

Gaming ist eine ernste Angelegenheit. Mindestens 40 Gesichter, fast allesamt erwachsene Leute, begegnen sich respektvoll aber nicht ohne sich im Laufe der ersten Runden die jeweilige Tagesform ganz genau anzuschauen. Und solange wir nicht direkt gegeneinander antreten, können wir gönnen, ja sogar anfeuern und Schultern klopfen. Mal sehen, wie lange noch.

Wir spielen, sofern die Gruppenaufteilung es zulässt, zu viert im Splitscreen gegeneinander, je Runde vier Rennen, keine CPUs, normale Itemauswahl, die Letztplatzierten fliegen aus dem Turnier. Es ist direkt von Beginn ein Ausscheidungskampf, dessen Schwierigkeitsgrad später erhöht wird, weil die Vorletztplatzieren ebenfalls ausscheiden. Sonst würde das Turnier auch ewig dauern, das am Ende ohnehin nicht gerade kurz ist.

Diesmal bin ich vorbereitet, denn ich bin nicht das erste Mal hier. Wie hoch die Skillceiling bei diesem vermeintlichen Fun-Racer ist, habe ich ein paar Samstage zuvor gelernt, an dem ich nur zum Spaß aber auch ein bisschen sehr überheblich in der dritten Runde rausgeflogen bin. Die Wochen darauf waren geprägt von Mario Kart 8 Online und Training im Bootcamp meines Kollegen, der mit mir und seiner Freundin auf seiner wohnzimmerwandausfüllenden Leinwand Runde um Runde übte, Strategien verinnerlichte und jede Kurve, jeden Drift des Spiels ins Muskelgedächtnis drückte.

Das erste, das mir beim Rundendrehen mit zur Leinwand gestrecktem Nacken unangenehm auffällt, ist der Input-Lag. Irgendwo in der Signalkette von Wii U über Projektor zu Leinwand muss eine gewaltige Bremse verbaut sein. Ich schätze mal, es hat mit der Umwandlung der Bildrate zu tun und beruhige mich damit, dass es hier ja schließlich allen so geht.

Moritz und seinen Kollegen, der auch Chris heißt, erkenne ich vom letzten Turnier wieder. Beide sehen viel zu cool aus für diese Art von Freizeitvertreib und spielen noch besser als sie aussehen, das was heißen soll. Vor ihnen habe ich vorauseilenden Respekt; nach meinen ersten Homeruns sie aber auch vor mir. Einige Wochen später sollten wir in Moritz‘ Büroräumen ein privates Turnier veranstalten, bei dem ich mich einmal zu viel vergewissern werde, ob das nicht doch das Büro seines Vaters sei. LAN-Parties versetzen mich wohl auch mit Mitte dreißig wieder zurück in das Mindset eines Teenagers.

Der Streamer Dennsen86 begleitet diesmal das Kino-Turnier mit Kommentar und Stream und spielt auch selbst mit, was ich ein bisschen unfair finde, weil er den Input-Lag umgeht, er hängt mit seinem Arbeitsmonitor schließlich direkt am Gerät. Abgesehen davon spielt er aber auch einfach ziemlich gut. Kunststück, wenn man damit seinen Lebensunterhalt bestreitet und den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat. Trotzdem kann ich ihn, also tatsächlich kausal durch mein Zutun, in Bowser’s Castle aus dem Turnier kicken. Mario Kart 8 mag chaotisch sein, aber es ist kein Glücksspiel. Es belohnt jene, die besser fahren und bessere Highspeed-Entscheidungen treffen können. Der coole Streamerboy scheint für einen Moment die Fassung zu verlieren und verflucht mich und das Spiel halb zum Spaß halb ernst gemeint. Was mir Genugtuung verleiht ist gleichzeitig wieder der Beweis dafür, dass in der Diskussion um Videogames und Gewaltbereitschaft eigentlich nur ein Spiel echtes Gefahrenpotenzial aufweist. Das ist zwar nicht witzig, aber wahr.

Die Reihen dünnen sich aus und die Favorit:innen bestreiten die letzten Play-Offs. Aus ehemaligen Verbündeten können nun zu jedem Zeitpunkt Kontrahenten werden. Im Halbfinale auf Mute City sitze ich beim Spielen zu dicht an Moritz (damals war das noch möglich), der mir zu verstehen gibt, mit mir gemeinsame Sache machen zu wollen, dann aber doch im günstigen Moment die Seiten wechselt. Ich nehme ihm das nicht übel, ich hätte ähnlich gehandelt, aber das Mindgame schafft mich vollends und ich verliere erst die Nerven und dann das Rennen.

Meine Freundin ist bereits bei der dritten Maxi-Coke und der zweiten Portion Nachos angekommen, das Turnier geht nun schon fünf Stunden (und es gab kein Frühstück heute morgen), und während ich noch mit mir selbst beschäftigt bin, wird ausgerufen, dass Chris gegen Moritz und Chris im Finale steht. Die Strecke ist Big Blue. Hölle ja, die kann er, das weiß ich aus eigener schmerzhafter Erfahrung.

Zwar gibt es hie und da Fanlager der jeweiligen Finalisten, aber eigentlich sind alle, die gerade nicht spielen, nun des Spektakel wegen hier. Es ist wie eine E-Sport-Arena. Jubel, Enttäuschung, Fieber und jede nächste Sekunde ist kurz davor, Entscheidendes zu bedeuten. Ja, wir spielen hier auf genau dem Niveau und das zu recht.

Knapp, aber verdient gewinnt Chris das Turnier. Nicht „mein“ Chris, leider. Der Sachgewinn ist Nebensache. Irgendwas mit kostenloser weiterer Turnierteilnahme und ein paar Extra-Stunden im Kino. Da ich mir mit den anderen Halbfinalisten den vierten Platz teile, gehen wir aber auch nicht leer aus – und so baumelt seit diesem Tag ein wunderschöner Zelda-Breath-of-the-Wild-Anhänger an meinem Schlüsselbund.

Es riecht ein bisschen wie in den Kellerkinderzimmern von damals, als wir uns alle gemächlich dem Saalausgang nähern. Ja, hier wurden Schweiß und sogar Tränen gelassen, am Ende überstrahlt aber vor allem das Vergnügen und die Dankbarkeit, es geteilt haben zu können.

Während wir in einer kleineren Gruppe noch Pizza in uns hineinschaufeln, gehen wir die besten Szenen der letzten Stunden lachend und lobend noch einmal verbal durch. Das nächste Mal bin ich auch auf dem Treppchen, vielleicht sogar ganz oben, sage ich. Vergönnt sein sollte mir das aber auch in den späteren Turnieren nie. Jedoch war jede einzelne Teilnahme ein Gewinn.


Über die Bedeutung von Mario Kart muss man wohl niemandem etwas erzählen. Der bisher letzte vollwertige Teil 8 erschien 2014 für die Wii U und wurde 2017 als Mario Kart 8 Deluxe für die Nintendo Switch erneut aufpoliert.

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