Eine Busfahrt ist nicht lustig

Keine Veröffentlichung eines Videospiels habe ich in meiner aktiven Zeit als „klassischer Videospielredakteur“ enger verfolgt und begleitet, als die von Heavy Rain für die PlayStation 3. Der Titel aus dem Hause Quantic Dream hatte es mir seit seiner Ankündigung angetan. Sicherlich auch, weil das zuvor veröffentlichte Fahrenheit einen enormen Eindruck bei mir hinterlassen hatte: Dieses neuartige Spielerlebnis, dieser interaktive Thriller mit seinen Perspektivwechseln, seiner frischen Erzählweise und seinen filmischen Mitteln der Inszenierung, hatte mich ein paar Jahre zuvor regelrecht umgehauen. Heavy Rain sollte all das, so versprach es Chefentwickler David Cage, nun auf ein noch höheres Level hieven. Ich war bei der Ankündigung des Spiels auf der Games Convention 2008 vor Ort, durfte auf der gamescom 2009 an einer Presse-Präsentation im kleinen Kreis teilnehmen – inklusive eines einstündigen Einzeltermins und Interviews mit David Cage – und war Ende 2009 noch auf ein weiteres Presseevent in Frankfurt eingeladen, das in einem eigens gebrandeten Heavy Rain-Bus stattfand. Und mein damaliger Artikel-Output war groß: Zwei Interviews mit David Cage, zwei exklusive Previews, ein FAQ, das die wichtigsten Fragen rund um den Titel beantwortete und unzählige Newsartikel. Der deutschsprachigen PR-Abteilung von Sony gefiel meine Berichterstattung – und ihnen gefiel meine Vorfreude auf den Titel. So sehr, dass ich die fertige Version des Spiels einige Zeit vor dem Release erhielt. Mein Test durfte noch vor dem Erscheinen von Heavy Rain veröffentlicht werden – nur drei weiteren deutschsprachigen Videospielmagazinen wurde dies ebenso gestattet und so standen wir plötzlich in einer Reihe mit der ComputerBild Spiele, dem ZDF und der M! Games. Ziemlich exklusiv – ziemlich gut für die Klickzahlen.

Als besonderes Bonbon wurde ich mit den anderen deutschen Pressevertretern auf die Premierenfeier von Heavy Rain nach Paris eingeladen. Gemeinsame Anreise mit dem bereits erwähnten Heavy Rain-Bus. Schickes Hotel in bester Pariser Lage. Premierenfeier mit rotem Teppich in einem französischen Kino – inklusive Abendessen mit David Cage, Terry Gilliam (der Monty Python-Terry!) und den Vertretern der deutschsprachigen Sony PR-Abteilung. Das hätte alles schon ganz nett sein können, aber leider gab es ein kleines Problem: Heavy Rain war richtig schlecht.

So hatte ich das auch in meinem Test geschrieben. Mit meiner 60 Prozent-Wertung lag ich knapp 30 Prozent unter dem – bis zu diesem Zeitpunkt handverlesenen – Wertungsdurchschnitt der nationalen und internationalen Videospielpresse. Dass Heavy Rain ein schwaches Spiel mit groben Storypatzern werden könnte, hatte ich im Vorfeld nun wirklich nicht erwartet. Ebenso wenig, wie die deutschsprachige PR-Abteilung von Sony einen Test mit 60 Prozent-Wertung erwartet hatte. Veröffentlicht wurden diese ersten Tests am Vorabend der Abreise nach Paris. Wir fuhren mit dem gebrandeten Heavy Rain-Bus, der gefüllt war mit mir, den weiteren Pressevertretern aus Deutschland und den Mitarbeitern der deutschsprachigen Sony-PR-Abteilung – inklusiven deren Head of PR. Die Stimmung während der fünfstündigen Hinfahrt mir gegenüber, würde ich als „eher kühl“ bezeichnen. Klar, man hatte aus einer Vielzahl an möglichen Videospielmagazinen ausgerechnet mir einen Vor-Release-Test ermöglicht und die PR-Abteilung eines jeden Landes musste „ihre“ nationalen Wertungen an die Hauptverantwortlichen von Sony UK melden. Sicher gab es da die eine oder andere kritische Rückfrage, warum sich die deutschsprachige PR-Abteilung denn nun ausgerechnet für mich entschieden hatte. Bei der Premierenfeier im Kino waren Textausschnitte und einzelne Zitate aus den bislang veröffentlichten Testberichten an die Wände projiziert – wirklich brauchbare Zitate für diese oder weitere Marketingkampagnen hatte ich nun tatsächlich nicht geliefert: „Auch wenn David Cage sich gerne als Autor, Direktor und Regisseur sieht, liefert er hier den Beweis dafür, dass er in Hollywood nicht einmal in der C-Liga der Filmregisseure mitspielen würde.“ Das eignete sich nun wirklich nicht unbedingt als Aushängeschild für die Wände einer Premierenfeier. „Dann bekommt das Spiel eine dicke Hornbrille verpasst und schielt von nun an grenzdebil durch die Gegend […]“, wirkt selbst beim mehrfachen Lesen ebenfalls eher wenig werbewirksam.

Die Premierenfeier war trotzdem schön. Ich habe viel getrunken. Vornehmlich alleine. Leider hatte ich bei der nächtlichen Rückkehr ins Hotel vergessen den Wecker zu stellen und verpasste nicht nur die vereinbarten Interview-Termine in der Hotellobby am nächsten Morgen, sondern lag auch während der vereinbarten Bus-Abfahrtszeit noch im Bett. Ein Mitarbeiter des deutschsprachigen Sony-PR-Teams klopfte (hämmerte) glücklicherweise so lange an meine Tür, dass ich irgendwann aufwachte und den Bus noch rechtzeitig erreichen konnte. Rechtzeitig, weil der Heavy Rain-Bus über eine Stunde vor dem Hotel auf mich gewartet hatte. Gefüllt mit mir, den weiteren Pressevertretern aus Deutschland und den Mitarbeitern der deutschsprachigen Sony-PR-Abteilung – inklusiven deren Head of PR. Die Stimmung während der fünfstündigen Rückfahrt mir gegenüber, würde ich als „eher kühl“ bezeichnen.


Heavy Rain erschien 2010 für die PlayStation 3, ist mittlerweile aber auch als Remaster-Version für die PlayStation 4 und den PC erschienen – im Bundle mit Beyond: Two Souls, das ebenfalls nicht überzeugen kann. Wer einen Einblick in die Videospielphilosophie von Quantic Dream erlangen möchte, sollte daher viel eher zu Fahrenheit greifen oder einen Blick auf deren aktuellsten Titel Detroit: Become Human werfen.

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