Big Apple, 3 a.m.

Schwarzer Hintergrund, lila Silhouette, keine Musik. In die Stille der Schlachtruf: „Big Apple, 3 A.M.“ Donatello springt ins Bild. Und dann setzt die Musik ein.

Es gibt Textzeilen, die sich ins kollektive Gamer-Gedächtnis eingebrannt haben. „Do a barrel roll!“ „The cake is a lie.“ „M-M-M-M-Monster Kill!„. Mir ist nicht immer ersichtlich, was dazu geführt hat, dass gerade diese Zeilen überdauern. Manchmal werden sie als Meme wiedererweckt oder sie tauchen an besonders zentralen Momenten im Spiel auf. Im ersten Zelda-Spiel ist „It’s dangerous to go alone!“ die erste Textzeile. Link erhält sein Schwert und macht sich auf in dieses offene und gigantische Abenteuer. Und die Erleichterung, wenn nach einem harten Kampf in Mortal Kombat endlich „Finish Him!“ erklingt und sich die Finger langsam entkrampfen, macht mit Sicherheit ebenfalls den Hippocampus aufmerksam.

Hinzu kommt, dass Sprachausgabe in den 90ern eine Besonderheit war. „The last Metroid is in captivity. The galaxy is at peace.“ So beginnt der Klassiker Super Metroid, in dem fortan kein weiteres Wort gesprochen wird. Solche Momente bleiben umso stärker hängen, je seltener sie sind. Und genau wie bei Super Metroid nach dieser Zeile der ikonische Basslauf erklingt, ist es auch bei Turtles in Time Vorfreude auf das, was als nächstes passiert.

Turtles in Time beginnt wie viele Spiele jener Ära mit einer kleinen Bild-Text-Sequenz. Shredder klaut die Freiheitsstatue (weil er es kann) und die vier Ninja Turtles finden, dass das gar nicht geht. Es ist sehr unspektakulär. In anderen lizensierten Spielen folgt auf ein Intro, das die Atmosphäre der jeweiligen TV-Serie einfängt, oft die Ernüchterung: Langsames Gameplay, hässliche Pixel, hakelige Steuerung und monotone Farben. Turtles in Time geht in die entgegengesetzte Richtung. Es ist nicht das Artwork oder das Intro, das am meisten Turtles-Flair versprüht. Erst der Übergang ins Gameplay lässt alles explodieren. Deshalb wird das Spiel bis heute als Maßstab für gute Lizenzspiele herangezogen. Und mit seiner Spieldauer von etwa 45 Minuten findet man sich immer und immer wieder an diesem Ausgangspunkt. Wie die ersten Klänge eines ganz besonderen Musikalbums, die Wärme verströmen: Big Apple, 3 A.M.

Nach Sekunden schlägt, tritt und schmeißt Donatello den halben Foot Clan quer über und sogar in den Screen. Intensive Farben, flüssiges Gameplay, ausdrucksstarke Animationen. Das wäre alleine schon genug, aber es ist die Musik, die mich so glücklich macht. Mein Bein wippt, ich grinse und ich jage die Knechte des Schweins, das sich erdreistet hat, die Freiheitsstatue zu stibitzen. Die Turtles-Theme ist in die Musikstücke gewoben, die allesamt nur nach vorne gehen und dieser erste Track setzt den Ton für das ganze Spiel. Es knallt so hart. Donatello ist wie der Doom Slayer. Nur sympathischer.

Und irgendwo hierin muss die Antwort auf die Frage liegen, warum mir seit Mitte der 90er regelmäßig Big Apple, 3 A.M. durch den Kopf geistert. Es ist diese kleine Pause vor dem Inferno der guten Laune. Dieser Sprachfetzen hat mich wie eine Skinner Box trainiert. Wann immer ich ihn höre, schüttet mein Hirn Endorphine aus. Schwarzer Hintergrund, lila Silhouette. Vorfreude. Ich bin Donatello. Natürlich Donatello. Und das ist mein Soundtrack.


Ich habe das unbestreitbar beste Turtles-Spiel „Turtles in Time“ (1991 Arcade, 1992 SNES) vor nicht allzu langer Zeit erneut im Zweispielermodus gespielt und es hat nichts von seinem Spaß eingebüßt. All die kleinen Ansagen vor den Levels hatte ich noch im Ohr. Und ich könnte nicht entzückter sein über die kürzliche Ankündigung von „Shredder’s Revenge„, das sich nach zahlreichen vergurkten Turtles-Spielen (inklusive des grauenhaften TiT-Remakes von 2009) offensichtlich an Turtles in Time orientiert. Ich bin die Zielgruppe dieses Spiels und es ist OK, von Zeit zu Zeit von einem neuen Spiel nichts anderes zu wollen, als dass es wie ein altes Spiel ist.

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