Wilbur

Meine Therapeutin hat immer gesagt, dass ich meine Sozialphobie nur unter Kontrolle kriege, wenn ich mich bewusst mit sozialen Kontakten konfrontiere. Es mag ja sein, dass ich den Kontakt zu Menschen hasse, und es mag auch sein, dass ich Menschen im Allgemeinen hasse, trotzdem muss ich mich mit ihnen auseinandersetzen, da man einer Konfrontation nicht immer ausweichen kann und durch bewusste Konfrontationen auf ungewollte Konfrontationen vorbereitet ist. Es ist ein komplizierter Prozess. Aber am Ende hatte ich ihn dann verstanden und tatsächlich ein paar Stunden lang meine Begleiter*innen in »Diablo III« aktiviert.

Diablo und alle vergleichbaren Klone sind für mich Spiele, die ich alleine genieße, und zwar in jeder Hinsicht. Ich will sie nicht im Mehrspielermodus spielen, weil die Leute mir entweder meine Beute wegschnappen oder einfach nur mit ihrer Beute angeben möchten. Noch schlimmer ist der Drang der Menschen, Spiele so schnell wie möglich durchzuoptimieren, um mir dann irgendwann vorzuwerfen, ich würde nicht effizient genug spielen und wäre weiter, wenn ich einfach schneller wäre und endlich aufhören würde, das Spiel zu genießen. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Menschen hasse?

Gleichzeitig kann ich es auch nicht leiden, wenn mir in Diablo-Spielen virtuelle Charaktere zur Seite gestellt werden, um mich zu unterstützen. Als ich zum ersten Mal auf diesen Rittertypen in Diablo III stieß, dachte ich nur: »Aha, hallo, ähm, geh weg?« Und war schockiert, als er aus Missionsgründen an meiner Seite blieb und ich nichts dagegen tun konnte. Zum Glück kam irgendwann der Punkt, an dem das Spiel mir mitteilte, dass ich ihn nicht unbedingt dabei haben musste, und um es kurz zu machen: AUF WIEDERSEHEN! Ich komme nie darüber hinweg, dass der Kerl VOR meinem Charakter herumlief. ICH bin der Held. ICH laufe vor. HAU EINFACH AB!

Worauf mich mehrere Jahre Therapie leider nicht vorbereiten konnten, war meine Reise durch Sacred. Manchmal gibt es Tage, an denen man sich an alte Videospiele erinnert und einem einfällt, dass man eigentlich ziemlich viel Spaß mit ihnen hatte. Dann führt eins zum anderen. Man startet das Spiel, merkt, dass es cool ist, startet eine Videoreihe auf youtube und nach vielen Stunden Spielzeit taucht plötzlich ein Name in einer Missionsbeschreibung auf, der alles ändern wird: Wilbur.

Wilbur ist ein Typ, den man aus irgendwelchen Gründen während der Hauptmission von Sacred erst retten und anschließend von A nach B transportieren muss, die so relevant sind, dass ich sie mir nicht gemerkt habe. Und dann wird aus B nach Erreichen C. Anschließend D. Und es hört einfach nicht auf.

Das Problem an der Sache war, dass ich dachte, Wilbur einfach nur zu dieser Brücke bringen zu müssen. Also erkundete ich erst stundenlang alle Regionen VOR der Brücke. Ich habe manchmal diesen Tick, dass ich eine Hauptmission erst beende, wenn ich alle gleichzeitig verfügbaren Nebenmissionen abgeschlossen habe, um nichts zu verpassen. Ich rannte also stundenlang abseits des Hauptwegs herum, um alles zu erkunden, und Wilbur tat nichts anderes als sterben, sterben und sterben, weil er so ist, wie alle Menschen, nämlich ein ungeduldiger Versager und ich hasse ihn.

Klar, man kann Wilbur mit einer neuen Waffe ausrüsten und wenn man ansonsten nichts Besseres zu tun hat, sogar mit einen Schild. Trotzdem ist er immer wieder einfach in Gegnerhorden gerannt, um von diesen aufgeschlitzt zu werden. Und ich kann euch gar nicht beschreiben, wie egal mir das war. Wilbur war ein Charakter für die Hauptmission und konnte nicht sterben. Nach ein paar Sekunden stand er wieder neben mir, nur um anschließend erneut wegzurennen und umgebracht zu werden. Spielspaßoptimierung nennt man das, glaube ich.

Stundenlang ging das so.

Es war schon beinahe lustig.

Bis es mir auf die Nerven ging.

Dieser verdammte Kerl kommentierte hin und wieder sogar die Ausrüstung, die ich ihm gab und obwohl jeder seiner mickrigen und im Vergleich zu mir bedeutungslosen Charakterwerte durch mein großzügiges Geschenk verbessert wurde, kommentierte er dies lediglich mit einem »Was soll ich damit?« Wilbur ist ein undankbarer Drecksack. Wilbur ist so schlimm, dass ich irgendwann nicht einmal mehr aus seinen wiederkehrenden Toden Freude ziehen konnte. Er kam ja doch immer wieder. Immer und immer und immer und immer wieder und irgendwann meldete sich meine verdammte Sozialphobie und wollte, dass es aufhört, dieser undankbare, aufdringliche Kerl verschwindet, mich in Ruhe lässt, mich einfach nur verdammt noch mal in Ruhe lässt und so tat ich etwas, was ich eigentlich nie mache:

Ich rannte los.

Ich ließ alles stehen und liegen, stieg auf mein Pferd und galoppierte zur Brücke. Ich ließ mir keine Zeit mehr. Ich ignorierte jeden Charakter mit »!?« über dem Schädel. Ich folgte nur noch der Markierung, die mir zeigte, wo die Hauptmission abgeliefert werden konnte. Ich rannte und ritt und galoppierte und aus B wurde C und D und irgendwann ging ich ins Internet und gab »Sacred Wilbur loswerden« in eine Suchmaschine ein und lachte kurz, als ich erkannte, wie vielen Menschen dieser Kerl auf die Nerven ging. Ich fand eine Antwort. Ich folgte der Antwort.

Am Ende verließ mich Wilbur.

Spoiler: Er verreckt irgendwann während einer Hauptmission in einem Hinterhalt.

Und ich habe mich darüber gefreut.

Von einer Kontaktaufnahme zu meiner Therapeutin sehe ich ab. Es geht mir mittlerweile wieder besser. Ich habe alles im Griff. Nach Wilburs Auslieferung habe ich mich einfach wieder zurück zu der Stelle begeben, an der ich den Entschluss gefasst hatte, ihn loszuwerden. Seitdem erforsche ich die Karte Sacreds wieder in aller Ruhe, lasse mir Zeit, genieße die Nebenmissionen, lese die Texte von Grabsteinen und öffne hin und wieder den Screenshot, den ich von Wilburs Leiche gemacht habe, um mich aufzumuntern.

Alles ist gut.

Bis auf die Menschen natürlich.


Sacred ist ein klassisches Action-Rollenspiel. Man rennt rum, zerhackt unzählige Gegnerhorden, sammelt Geld und Gegenstände, wird stärker und am Ende stirbt Wilbur.

This article is also available in: Englisch

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