Der Ruf der Krähe

Ich bin kein Stubenhocker! Ich war immer viel draußen. Nicht so urbanes „Draußen“ mit Parks und Spielplätzen. Richtig Matsch und Höhlen, Baustellen und Wälder. Auch heute bin ich kein Naturverächter. Ich habe sogar Hühner! Ich liege gern im Gras und schaue zu, wie verschiedene Vögel kreuz und quer über meinen Kopf sausen. Blaumeisen und ein Rotkehlchen. Ein Eichelhäher und zwei Elstern. Neulich watschelte gar ein Teichhuhn mit diesen sonderbar großen Füßen über meine Terrasse. Und natürlich Krähen. Krähen und Raben sind eigentlich dasselbe, das wissen viele nicht. Umgangssprachlich nennt man die kleineren Krähen und die größeren Raben, aber taxonomisch tut das nicht Not.

Krähen sind beeindruckende Tiere. Im letzten Herbst fuhr ich mit dem Fahrrad durch die Dämmerung eine Allee entlang. Plötzlich bemerkte ich durch die Soundwand meiner Spotifyplaylist hindruch einen akustischen Tumult. Ich hielt an, entfernte die Kopfhörer und sah nach oben. Es waren Krähen. Nicht zehn oder fünfzig. Es schienen tausende zu sein. Ich kann nicht einmal sagen, ob das eine Übertreibung ist. Eine gigantische Krähenwolke bewegte sich zwischen den Kronen der hohen Bäume im Abendhimmel. Endzeit, nur in schön.

Krähen landen elegant mit ausgebreiteten Schwingen mitten auf freier Fläche, wo sie stolz und angstfrei verweilen, bevor es weitergeht. Ihr Ruf ist so markant wie mir vertraut. Ich habe immer wieder sehr bewusst Krähenrufe vernommen, an Sommerabenden, im Nebel, in Momenten von Euphorie oder Eingekehrtheit.

Jedes Mal, wenn ich einen Krähenruf höre, denke ich an Ocarina of Time.

Das irritiert mich angesichts der vielen Erlebnisse mit echten Krähen und ich schäme mich ein bisschen dafür. Das Spiel soll doch die Natur nachempfinden und nicht umgekehrt. Der Vorwurf, ein stubenhockender Gamer zu sein, ist so universell und in uns verankert, dass ich versucht bin, zu sagen: Ich doch nicht! Siehe oben. Dabei finde ich es falsch, so eine wunderbare Leidenschaft wie das Videospielen von sich abstreifen zu wollen, nur weil ein paar pampgesichtige Eltern (nicht meine!) in den frühen 90ern glaubten, pädagogisch wertvoll zu agieren, wenn sie ihre Kinder nach draußen zum Insektenverbrennen gejagt haben, damit sie endlich mal in Ruhe Fernsehen können. Aber gleichzeitig bin ich eben wirklich gerne draußen. Und möchte mir deshalb selbst widersprechen, wenn ich beim Krähenruf an Zelda denke. Aber ich kann mir nicht widersprechen, denn es ist eine unumstößlich wahre Assoziation.

Dieser Ruf weckt zuverlässig wunderbare Erinnerungen an meine Zeit in Hyrule. Ein Abenteuer, das mich nicht von Ort zu Ort geführt hat, sondern mir den Raum gegeben hat, den Moment einsinken zu lassen. Alleine in der Nacht am Hyliasee. Eine Krähe ruft. Es war wohl eine echte Naturerfahrung, oder genauer: Es hatte dieselbe Wirkung einer Naturerfahrung im besten Sinn. So wie ich beim Krähenruf an dieses Spiel denke, kommt mit beim Gedanken an Ocarina of TIme als erstes der Ruf einer Krähe in den Sinn. Ich bilde mir ein, an diesem Zusammenhang ablesen zu können, welchen Eindruck das Spiel tatsächlich auf mich hatte.

Wenn im Frühling das Licht auf eine besondere Art scheint, schüttet mein Hirn irgendwelche Hormone aus und ich erinnere mich an diesen einen Tag im April vor 22 Jahren. Und wann immer eine Krähe ruft, gehen meine Gedanken kurz nach Hyrule. Ich glaube, es ist dieselbe Krähe, die mich damals bei meinem Abenteuer begleitet hat. Ich habe mich nie mit ihr unterhalten, aber sie scheint mir ein Gefährte fürs Leben zu sein.


The Legend of Zelda: Ocarina of Time ist 1998 für das Nintendo 64 erschienen. Ich habe so etwas nie wieder erlebt.

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