Verhunger bitte leise

Mein Mann und ich sind eines jener Paare, von denen Außenstehende behaupten, dass sie ihnen dabei helfen, den Glauben an die große Liebe nicht zu verlieren. Es ist ein bisschen kitschig, aber wir kommen einfach sehr gut miteinander klar. Und trotzdem lasse ich ihn verhungern. Ganz langsam, da oben in der radioaktiv verstrahlten Ödnis, in der er gerade den Sauerstofffilter unseres Bunkers repariert. Die Nahrungsvorräte sind genauso erschöpft wie mein treusorgender Gatte es sein wird, wenn er nach getaner Arbeit zurück klettern wird. Sollte er das noch schaffen, wird er brav seinen Schutzanzug an die Garderobe hängen und mit knurrendem Magen zu Bett gehen. Das Knurren höre ich nicht, er leidet still.

Keinen knurrenden Magen hat Aaron, im echten Leben wie im Spiel unser zu klein geratener Schäferhund. Als ich meine Familie im Charakter-Editor von Sheltered nachgebaut habe, konnte ich auch ein Haustier hinzufügen, das zwar kein vollwertiger, spielbarer Charakter ist, aber zumindest ein wenig Unterstützung gewährt. Ich weiß nicht einmal mehr, welche genau… völlig egal, seine bloße Anwesenheit ist für mich bereits Bonus genug in einem Spiel, in dem man sich dem Überleben in der Postapokalypse stellen muss. Der Bunker wäre trauriger ohne Aaron, für den extra kleine Luftschächte eingebaut wurden, damit nicht irgendein armer Grafiker einen Hund animieren musste, wie er eine Leiter benutzt. 

Dass Pixel-Aaron nicht unter Hunger zu leiden hat, liegt daran, dass ich ihn immer vor allen anderen Charakteren füttere. Das ergibt logisch nicht den geringsten Sinn, denn seine Anwesenheit bringt mir in diesem Spiel mit Abstand am wenigsten. Und selbstverständlich würde ich im echten Leben das Leben meines Mannes immer vor das unseres Hundes stellen (gut, dass Aaron zwar eine Menge Tricks beherrscht, aber Lesen noch nicht dazu zählt). Aber nicht in Sheltered. Und ich glaube, ich kann sogar erklären, weshalb. 

Der Hund winselt. Und zwar ganz erbärmlich. Während die menschlichen Charaktere Hunger durch eine farbige Leiste signalisieren, ertönt ein wehleidiges Wimmern, sobald der Hund sich nicht zu 100% wohl fühlt. Konditioniert wie ich als treusorgende Tierhalterin nun mal bin, kann ich das unmöglich ertragen! Deshalb habe ich vorhin dem Charakter, der den Namen meines Mannes trägt, aufgetragen, den Fressnapf mit dem Inhalt der letzten Konservendose zu füllen, und damit möglicherweise sein eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Aber Hauptsache, unser vierbeiniger Begeliter winselt nicht mehr.

Ich kann nur hoffen, dass ich einmal nicht wirklich vor der Entscheidung stehen werde, meinen Mann oder meinen winselnden Hund zu retten, denn offensichtlich kann man sich dann doch nicht auf mich verlassen. 


Sheltered ist eine von Unicube und Team17 entwickelte Survival-Managementsimulation, in der es darum geht, einen Bunker. auszubauen und die Umgebung nach Loot zu durchsuchen. Seit 2016 hat sich das Spiel auf verschiedenen Plattformen verbreitet.

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