Valheims Wälder

Einmal stieß ich, als ich aus einem Zelt gekrochen kam, mit dem Kopf an einen Elektrozaun und erhielt einen Stromschlag. Ich habe dadurch gelernt, dass man Zelttüren nicht unbedingt in Richtung eines Elektrozauns ausrichten sollte. Außerdem bin ich mir sicher, dass ich seitdem nicht mehr in der Lage bin, vernünftige Einleitungen zu schreiben.

An einem anderen Tag kletterte ich mit einem Freund über einen Elektrozaun, ohne mein Gehirn in elektrisierende Aufruhr zu versetzen. Wir kletterten über den Zaun, weil wir uns in einem Wald verlaufen hatten und hofften, dass irgendwo an dieser plötzlich vor uns aufgetauchten Kuhweide ein Weg verlief, der uns zurück in Richtung Zivilisation führte. Wir beschlossen, uns in die Mitte der Weide zu stellen und uns umzusehen. Wir wurden anschließend von aufgebrachten Kühen verfolgt, sprangen panisch zurück über den Zaun und erkannten, dass es sicherer war, einfach um die Weide herumzugehen.

Seitdem habe ich mich nie wieder in einem Wald verlaufen. In der Realität liegt das daran, dass ich mittlerweile nicht mehr das Bedürfnis habe, Waldwege zu verlassen. Videospiele dagegen bieten selten die Möglichkeit, sich zu verlaufen, weil man immer und überall an die Hand genommen wird.

In Skyrim gibt es beispielsweise eine Weltkarte. Außerdem ist Skyrim einfach zu voll. Auf dem Weg zum zehn Meter entfernten Turm stolpert man über acht Höhlen, drei Banditenlager und zwei Hauptstädte. Man kann sich nicht verlaufen, da man nie die Möglichkeit hat, überhaupt einmal ungestört zu laufen.

In Minecraft habe ich mich dafür schon mehrmals verlaufen. Ich mag an Minecraft, dass man seine Karten selbst herstellen muss. Ansonsten ist man darauf angewiesen, sich die Umgebung einzuprägen oder Wegweiser herzustellen. Dadurch lernt man seine Umgebung kennen und sich an dieser zu orientieren. Leider hat Minecraft keine schönen Wälder.

Und dann ist da Valheim, eines der wenigen Videospiele mit realistischen und furchteinflößenden Wäldern. Valheims Wälder sind furchteinflößend, weil sie riesig sind. Und voller Bäume. Überall sind Bäume! Stehende. Umgestürzte. Kleine, noch wachsende. Gigantische. Bäume, Bäume, Bäume. Die Wälder in Valheim sind Wälder, wie ich sie in Erinnerung habe.

Das Gefühl, sich als Kind in einem Wald verlaufen zu haben, ist bedrückend. Ich werde es so schnell wohl nicht mehr vergessen. Valheim könnte dieses Gefühl in mir erneut hervorrufen, wenn es diese blöde Mini-Karte nicht gäbe, die einen Teil des ansonsten wirklich guten Spiels ruiniert. Egal, wo ich stehe, ich weiß immer, wo ich bin. Ich muss nicht einmal erst die große Übersichtskarte öffnen, um mich zu orientieren. Ich habe alles im Blick.

Ich wünsche mir die Option, sowohl die Mini- als auch die Übersichtskarte vollständig deaktivieren zu können. Ich möchte mich in den Wäldern Valheims verlaufen. Ich möchte gezwungen werden, mir meine Umgebung einzuprägen. Den Fluss, der mich nach Hause führt. Den umgestürzten Baum, der in Richtung meines Außenlagers ragt. Ich möchte Wege anlegen, um mir zu zeigen, wo ich langgehen muss. Ich möchte Angst haben, die Orientierung zu verlieren, wenn ich unbedacht irgendwo abbiege.

Valheims Wälder sind traumhaft. Und ich träume davon, mich vor ihnen fürchten zu können.


In Valheim läuft man als Vikingermensch durch die unberührte Natur und berührt sie, um Bäume zu fällen, Hirsche zu töten oder Steine zu zerschlagen. Aus den dabei gewonnenen Materialien erstellt man Häuser, Kleidung, Waffen oder Essen. Elektrozäune kann man nicht bauen. Dafür sind die dauerwütenden Wildschweine ein toller Ersatz für die Kühe, die mich einst jagten.

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