Unbesiegbar

Rückblickend mag Mario Kart 64 für viele wohl nicht der beste Ableger der gesamten Reihe sein. In gängigen Rankinglisten, beispielsweise bei Kotaku oder Ranker, belegt der Titel meistens die hinteren Plätze – hie und da höchstens mal eine Platzierung im Mittelfeld. Selbst die Nostalgie-Brille scheint dem zweitmeistverkauften Spiel der Konsole nicht zu helfen. Schlecht gealtert, langweilige Strecken, nervige Gummiband-KI – die Begründungen für das schlechte Abschneiden klingen überall ziemlich ähnlich. Eine grobe Fehleinschätzung: In meinen Augen ist Mario Kart 64 nicht nur eines der besten Spiele der damaligen Konsolengeneration, sondern auch der beste Ableger der gesamten Reihe!

Das mag zum einen daran liegen, dass ich nach Mario Kart 64 keinen weiteren Mario Kart-Ableger länger als eine halbe Stunde gespielt habe und meine Einschätzung daher jetzt nicht unbedingt auf Objektivität fußt. Es liegt aber zum anderen (hauptsächlich!) daran, dass ich damals einfach jeden Multiplayer-Cup gegen alle meine Kontrahenten gewonnen habe. Immer. Immer gewonnen. Ich kann mich an keine Niederlage erinnern. Klar,… aufgrund von Item-Glück habe ich vielleicht nicht jedes Einzelrennen innerhalb des Cups auf Platz 1 beendet. Aber eigene Fahrfehler oder gar taktische Missgeschicke waren dafür nie ursächlich. Item-Glück eben. Und nach der Endabrechnung des Cups stand mein Toad selbstverständlich ganz oben auf dem Siegertreppchen. Immer. Bevor ich wusste, dass es das Internet mal geben wird und man sich dadurch tatsächlich irgendwann mit Spielern weltweit messen kann, habe ich mir das Internet bereits herbeigewünscht. Immerhin war ich zum damaligen Zeitpunkt wohl der beste Mario Kart 64-Spieler weltweit. Ein Gefühl, das ich zu N64-Zeiten bei einigen Spielen hatte. Sicherlich nicht zu unrecht.

Wenn man mir heute vorwirft, dass ich ein schlechter Verlierer sei, kann ich nur lapidar entgegnen, dass dies ja wohl nicht verwunderlich ist,… – ich habe das Verlieren als Kind eben nie gelernt. Ich habe einfach immer gewonnen. Gegen alle meine Freunde. Und ich möchte jetzt auch nicht irgendwie unsympathisch wirken, aber ich kann meine Qualitäten ja nun auch nicht verleugnen. Das wäre ja noch viel unsympathischer! Diese Interviews mit Fußballprofis, die gerade das Siegtor geschossen haben und am Schluss ihren entscheidenden Beitrag zum Spielgewinn kleinreden: „Es ist nicht wichtig, ob ich das Tor gemacht habe. Wichtig ist, dass wir das Spiel gewonnen haben!“ Mega unsympathisch! Man darf auch mal zur eigenen Leistung, zum eigenen Können, zur eigenen Unbesiegbarkeit stehen.

Im Studium habe ich meinen Kumpel Matze kennengelernt. Irgendwann haben wir voneinander erfahren, man geht damit ja nun auch nicht gleich hausieren, dass wir beide jeweils die besten Mario Kart 64-Spieler weltweit sind. Er fand es schade, dass es damals noch kein Internet gab. Matze hatte früher alle seine Freunde besiegt. In jedem Cup. Immer. Immer gewonnen. Um es kurz zu machen: Der arme Teufel wollte nach all den Jahren endgültig klären, wer von uns beiden weltweit nun tatsächlich der beste Mario Kart 64-Spieler war. Wir einigten uns darauf, jedes Semester einen Cup gegeneinander zu bestreiten. Wer zuerst zehn Cups gewinnen kann, ist offiziell Weltmeister und bekommt vom Verlierer zehn Kästen Bier. (Ja, ein Bier-Wetteinsatz. So war das in den 00er-Jahren eben!)

Wir fuhren also jedes Semester einen Cup. Ich erinnere mich, dass ich einmal wutentbrannt aus seiner Wohnung (inklusive Controllerwurf!) gestürmt bin. Kurz darauf schrieb er folgende SMS: „Die Polizei war gerade da! Die Nachbarn haben sie verständigt, dass in meiner Wohnung ein kleines Kind laut schreien und weinen würde.“ Zu diesem Zeitpunkt stand es 9:1. Für Matze. Es steht immer noch 9:1 für Matze, denn ich weigere mich bis heute den letzten Cup auszutragen. Er hat einfach zu viel Item-Glück.


Mario Kart 64 wurde 1997 in Europa für das Nintendo 64 veröffentlicht. Neben großen Erfolgen im Battle-Modus konnte der Autor vor allem im GrandPrix-Modus neue Maßstäbe setzen.

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