Toby inmitten von Trümmern

Als ich mit meiner kleinen Eule Otus das erste Mal auf Toby traf, war er nur ein typischer NPC in einem Action-Adventure. Ein scheinbarer Tagedieb, der es sich in den heißen Quellen des friedlichen Dorfes Vellie gemütlich gemacht hat und mir über einige Dialogzeilen ein wenig Kontext gab und den Ort belebte. Obendrein sorgte er für die Erweiterung meiner Energieleiste, wenn ich gelernt hatte, der Hitze der Quellen eine Weile standzuhalten. Stunden später, nachdem im Spiel die halbe Welt auseinandergeflogen war und ich das Gefühl hatte, ein weltumspannendes Abenteuer erlebt zu haben, hatte ich ihn schon ganz vergessen und als ein anderer NPC fragte, wo Toby wohl sei, wusste ich mit großer Sicherheit nicht mehr, wer überhaupt gemeint war. Toby hatte keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Owlboy ist kein langes Spiel, aber es ist voll von großen Momenten und liebenswerten Figuren. Otus ist ein kümmerlicher Protagonist ohne Selbstbewusstsein und große Fähigkeiten. Er kann nicht sprechen und wird dafür gemobbt, er kann nicht besonders gut fliegen und erfüllt auch sonst keine offensichtliche Funktion für die kleine Dorfgemeinschaft. Und während solche Protagonisten in anderen Spielen nach und nach neue Fähigkeiten erlernen und zum starken Helden werden, passiert Otus nichts dergleichen. Stattdessen findet er in einer beängstigenden Welt, in der niemand gerne allein sein möchte, Freunde, die ihm helfen, seine Unzulänglichkeiten auszugleichen und seine eigenen Stärken zu betonen. Das Abenteuer, durch das er geschliffen wird, ist fünf Nummern zu groß für Otus und er ist meist hilfloser Zuschauer, während sich Ereignisse, entfalten, die er nicht in der Lage ist, zu kontrollieren.

Als ich aus dem kleinen Dorf aufbrach, um mich der Aufgabe zu stellen, ausgerechnet mit Otus die prächtige Hauptstadt und fliegende Insel Advent vor der Zerstörung zu bewahren, hatte ich nicht erwartet, zu scheitern, denn so funktionieren Videospiele für gewöhnlich nicht. Advent schien der Hauptschauplatz des Spiels zu werden, doch kaum war ich angekommen, brach die fliegende Insel entzwei und noch bevor ich ihre angepriesene Pracht bewundern konnte, war die Stadt fort. Später im Spiel hatte ich keinen Grund, zurückzukehren, doch mein Entdeckerdrang trieb mich dorthin, wo die Reise losgegangen war. Advent war natürlich fort. Doch inmitten der Trümmer saß Toby alleine für sich. Die meisten Spieler werden ihn dort nie entdecken, doch ich wurde mit einem bewegenden Augenblick belohnt.

Als ich das Gebiet betrat, setzte Jonathan Geer’s Klavierstück „Such Perfect Peace“ ein, das sich stark vom Rest des Soundtracks abhob und eine friedliche Ruhe an diesen Ort der Zerstörung brachte. Nach einer Weile fand ich Toby, der Otus von dem wundervollen Leben berichtete, das er in Advent verbracht hatte, bis er seine Frau dort beerdigen musste. Danach erst kam er nach Vellie zu Otus und den anderen, wo er seine Tage mit Alkohol in den heißen Quellen verbrachte. Vermutlich, um zu vergessen. So machte auch das Aushalten der Hitze, das man am Anfang des Spiels lernte, Sinn. Doch nun, da seine Heimat und das Grab seiner Frau zerstört wurden, wachte er aus seinem nebulösen Dasein auf, um sich zu erinnern und kehrte an diesen Ort zurück. Die Traurigkeit über sein Schicksal, die sich deutlich in den Gesichtszügen der stummen kleinen Eule spiegelten, wurde von Tobys positivem Monolog begleitet. Otus, der Advent trotz größter Bemühungen nicht retten konnte, dürfte die Geschichte genauso nah gegangen sein wie mir. Und für einen Moment der Ruhe und des Friedens inmitten von Trümmern waren Otus und ich ein und dieselbe Person. Dort oben im Nirgendwo, wo es nichts für den Spieler zu finden gab außer der schönsten Sequenz eines der schönsten Spiele, die ich je gespielt habe.


Owlboy vom norwegischen Entwickler D-Pad Studios ist voll von solchen Momenten und ein wahres Kleinod. Es war fast zehn Jahre in der Entwicklung, ist 2016 erstmals erschienen und inzwischen für PC, Switch, PS4 und Xbox One erhältlich.

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