Schön, dass ich hier war

Ein oft genannter Aspekt bei der Betrachtung von Videospielen ist die Erwartungshaltung. Ganz unabhängig von Spoilern, über die ich nicht schreiben will, weil mich das Thema schrecklich langweilt, fallen Sätze wie: „Ich glaube, ich hab einfach zu viel erwartet.“ Auch beliebt: „Meine ohnehin hohen Erwartungen wurden sogar noch übertroffen“. Gemeinhin geht man davon aus, dass ein unvoreingenommenes Spielerlebnis besser ist und dass Enttäuschungen nicht nur Enttäuschungen sind, sondern das Spiel an sich schlechter werden lassen. Ich treffe solche Aussagen selbst und habe nun ein bisschen darüber nachgedacht: Ich glaube, es ist totaler Unsinn.

Ein gutes Spiel lässt sich nicht dadurch schmälern, dass man noch mehr erwartet hat. Man findet es eben so gut wie man es findet. Mir wurden in der jüngeren Vergangenheit aufgrund meines Spielegeschmacks Indie-Spiele wie FAR: Lone Sails, Yoku’s Island Express, Return of the Obra Dinn, Untitled Goose Game und viele mehr empfohlen, die ich artig und mit ähnlichen Erwartungen gespielt habe. Das überraschende Ergebnis: Sie haben mir alle unterschiedlich gut gefallen! Und auch als mir jemand Vertrauenswürdiges sagte: „Spiel‘ mal A Short Hike, das wird dir höchstwahrscheinlich gut gefallen“, tat ich wie geheißen. Der Trailer sagte mir ziemlich genau, um was für ein Spiel es sich handelt: Ein kurzes Wohlfühlspiel mit sympathischen Dialogen und einer rührenden Geschichte. Kenn ich schon. Aber man hört ja auch Platten von Bands, von denen man schon eine gehört hat. Was ich sagen will: Was gut ist, ist gut.

Das Spiel beginnt vor einer Hütte auf einer kleinen Insel. Das Vogelmädchen Claire besucht ihre Tante für ein paar Tage und stellt fest fest, dass sie keinen Handyempfang hat. Ahja. Teenagermädchen ist vom Handy abhängig, gibt allerlei smarte Oneliner von sich und entdeckt auf dem Weg zum Netz die Schönheit der Natur. So entdeckt Claire dann auch zahlreiche besondere Orte und trifft Personen, die Claire helfen oder Hilfe erbeten, mit ihr um die Wette laufen oder sie zu einer Partie Beachstickball einzuladen. Ahja. Sidequests und Hürden, die das Spielerlebnis breiter machen. Sprich mit allen Figuren. Erkunde. Genieße. Trotz all dem inneren ge-Ahja-he machte mir das Spiel Freude und ich fragte mich, auf welche Weise mich das Ende wohl berühren würde, denn Teil meiner Erwartungshaltung war genau das.

Und ja, es gab einen rührenden Storytwist. Claire ist nämlich gar kein verzogenes Smartphoneopfer, das im Laufe des Spiels die Liebe zur Natur findet, sondern wurde von ihrer Mutter zu ihrer Tante geschickt, da die Mutter sich einer gefährlichen Operation unterziehen musste, von der sie Claire nichts erzählt hatte. Es ist ein gut geschriebener, emotionaler Twist, der sich dort oben auf dem höchsten Gipfel abspielt und man könnte einen anderen Wall-Jump-Text dazu schreiben. Und wenn das Spiel hier aufgehört hätte, wäre es ein solides, herzerwärmendes Indiespiel. Aber es geht mir nicht um diesen Moment, sondern um den Ort – die Insel von „A Short Hike“. Denn nachdem man den Höhepunkt des Spiels erreicht hat, erhält man die Gelegenheit, die Insel, die man erforscht, erklettert und erlebt hat, mitsamt all den wunderbaren Figuren, denen man begegnet ist, in einem großen Segelflug zu umkreisen. Und ich merkte, wie gut alles im Spiel ineinandergreift. Ich landete, wo ich begonnen hatte und sprach Claires Tante an, die sich nach Claires Tag erkundigte. Claire berichtete voller Enthusiasmus von ihrem Tag, wobei ihr mehr und mehr skurrile und schöne Episoden einfielen. Und mit einem Schlag wurden all die Minigames und Tutorials und spielverlängernden Maßnahmen zu echten Erlebnissen und zu einem wunderbaren Tag, ohne dass etwas Außergewöhnliches passiert war. Es war eine Neuempfindung all dessen, was ich erlebt hatte.

Erst wenn man die Tante nach dem Dialog erneut anspricht, berichtet Claire vom Telefonat mit ihrer Mutter. Und wenn dieser Dialog vorbei ist und man sie ein drittes Mal aktiv anspricht, sagt Claire nur diesen einen Satz: „I’m really glad I came„. Und da hatte das Spiel mich endgültig ihn seine gefiederten Arme genommen. Denn ich fühlte mich genauso wie Claire und war froh, das Spiel gespielt zu haben. Das wurde mir erst mit dieser letzten Textzeile klar. Ich wusste, was mich erwartete, als ich das Spiel begann. Aber ich wusste nicht, was mich erwartete.


A Short Hike ist ein Ein-Personen-Projekt vom kanadischen Entwickler adamgryu, erschien erstmals 2019 und ist für PC und Nintendo Switch erhältlich. Es verfolgt einen ähnlichen Dialogstil wie Night in the Woods und Wandersong und muss sich nicht hinter den beiden verstecken. Meine Erwartungen an das nächste Projekt sind gewaltig!

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