Lass dich überraschen

„Seht euch vorher nichts dazu an, vertraut mir einfach.“ Was auch immer zu diesen geheimnisvoll geraunten Worten bewegt, genießt einen hohen Stellenwert bei mir. Denn gibt es etwas Schöneres, als überrascht zu werden? Im positiven Sinne versteht sich. Wenn ich von meiner Familie Geldgeschenke zum Geburtstag bekomme, schiebe ich sie meinem Mann zu, damit er mir davon irgendetwas Merkwürdiges kauft. So sehr liebe ich Überraschungen.

Unser Alltag ist vollgestopft mit durchkalkulierter Vorhersehbarkeit. Termine im Kalender diktieren den Tagesablauf, Gutscheine gelten als sicherste Geschenkoption und wieso sollte ich nicht den dritten Tag in Folge dasselbe Gericht beim selben Asia-Burger-Pizza-Allesladen bestellen, der so zuverlässig okay schmeckt, wie alle ähnlich aufgestellten Lieferdienste der Stadt? Im medialen Bereich bereiten uns Trailer und Vorabberichte mit Samthandschuhen auf die Erfahrung vor, die uns erwarten wird. Und das ist ja auch alles zweifellos total erwachsen und vernünftig, denn wie soll man sich sonst bei der Vielzahl an Titeln entscheiden, für welche man Zeit und Geld opfern soll?

Um so mehr genieße ich es allerdings, wenn sich unverhoffterweise einer dieser ganz besonderen Momente einstellt. Zuerst ein kurzes Aufschrecken oder versteinert Innehalten. Vielleicht lache ich dann laut auf, kichere leicht hysterisch in mich hinein oder es kommt zumindest zu einem breiten Grinsen. Ich ziehe ehrfürchtig meinen Hut vor der Kreativität, der ich soeben beiwohnen durfte, und die ich in dieser Form nicht erwartet hätte. Ihr habt mich gerade echt überrascht, Glückwunsch! Direkt darauf folgt als nächste Phase der Drang, andere dasselbe erleben zu lassen. Am liebsten möchte ich ihnen dabei auch noch zusehen, um ihre Reaktion mitzubekommen. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen einem gelungenen Überraschungseffekt und einer schönen Location, einer innovativen Spielmechanik oder geschliffenen Dialogen, wie man auch beim x-ten Durchspielen noch genauso würdigen könnte.Vergleichbar mit einem Legacy Brettspiel ist das erste Ansehen oder Spielen nämlich eine einzigartige Erfahrung, die so viel Mehrwert bietet, dass man sie nie wieder kopieren kann. Eine Überraschung zerstört sich danach unweigerlich selbst. Puff – weg! Das macht sie für mich zu etwas besonders Schützenswertem. Ist man gespoilert, wird man niemals nachempfinden können, wie es gewesen wäre, wenn das nicht der Fall gewesen wäre. Und genau deswegen habe ich nichts als Verachtung dafür übrig, anderen bewusst diesen Spaß zu verderben.

Doch was zeichnet einen gelungenen Überraschungsmoment überhaupt aus? In Filmen und Serien sind unerwartete Todesfälle ein klassisches Spoilerthema. Oder die Horror-Variante, dass jemand schon die ganze Zeit tot war. Aber das geht besser. Die Königsklasse ist der Twist, der alles zuvor gesehen auf den Kopf stellt und alles was danach kommt in ein neues Licht rückt. Etwas, was man niemals erwartet hätte, weil man es so noch nie gesehen hat. Wenn der Anfang eines Films wie ein Found Footage Streifen startet und man sich plötzlich in einer cleveren Meta-Komödie wiederfindet. Wenn man glaubt, ein stumpfes Browser-Spielchen vor sich zu haben, und sich plötzlich eine ganze Welt vor einem ausbreitet. Mit einem einfachen Genrewechsel ist es dabei natürlich nicht getan, und vor allem bringen Spiele die Herausforderung mit sich, dass sie in der Regel länger sind als ein Film. Ein einzelner Twist geht leicht unter. Deshalb haben jene Spiele, die erfolgreich mit meinen Erwartungen spielten, gemeinsam, dass sie viele Haken geschlagen haben, und mich an mehr als einer Stelle zum Staunen brachten. Vielleicht vergesse ich irgendwann die Namen und Orte der Handlung, das Leveldesign oder welcher Boss derjenige war, wegen dem ich stundenlang in den Controller gebissen habe… aber ich merke mir gelungene Überraschungen. 


Spielt Inscryption. Seht euch vorher nichts dazu an, vertraut mir einfach.

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