Home sweet Home

Ich habe die Animal-Crossing-Reihe bisher stets mit Argwohn betrachtet. Irgendwie fand ich es doch schwer nachvollziehbar, wieso Menschen weit jenseits der Dreißig nach Büroschluss ihre Freizeit damit zubringen, die Anforderungen eines großkapitalistischen Waschbären zu erfüllen und horrende Schulden abzutragen. Tag für Tag.

Doch nun, im Frühjahr 2020 sollte sich das ändern. Nintendo vollbrachte das Kunststück, Animal Crossing: New Horizons pünktlich zu Beginn der Corona-Pandemie in Europa auf den Markt zu bringen – womit das Versprechen, eine ferne Insel zu beziehen und dort ein bisschen Routine und Ordnung zu erleben, plötzlich auch für mich hochattraktiv klang. Gute 50 Stunden später hatte ich das Story-Korsett bewältigt. K.K. Slider spielt nun jeden Samstag herzerweichende Konzerte, die Insel wurde in ein Kleinstädtchen verwandelt, die Natur bewältigt und ein sympathischer Cast an Mitbewohner:innen gefunden. Und doch kann ich nicht ruhen, bis ich es geschafft habe – und mein Haus endlich abgezahlt ist.

Mach es zu deinem Projekt, sagt die Heimwerker-Werbung.

Obwohl mir Bausparverträge fremd sind und ich mich mit den horrenden Mieten einer Altbauwohnung ganz gut arrangieren kann, hat mich der Traum vom Eigenheim gepackt. Ich verbringe angeregte Diskussionen mit Freund:innen darüber, wie der Kellerraum ausgebaut werden sollte. Welche Tapete gut zum neuen Fußboden passt. Ob die Fassade nicht doch eine Generalüberholung braucht. Und dabei kennt meine Fantasie keine Grenzen: Im Keller, ein astreines Musikstudio. Schlafen kann ich in einem Rennautobett, das in meinem Kinderzimmer neben der Modelleisenbahn steht. Kreuze ich den Eingangsraum so stehe ich im Heimkino, mit 55-Zoll-Flatscreen und eleganter Kino-Möblierung. Noch nicht ganz glücklich bin ich mit dem Dachboden, auf dem bisher sehr authentisch alle möglichen Gegenstände verstaut wurden, von denen ich mich irgendwie nicht trennen kann, die aber auch nicht so recht zur sonstigen Einrichtung passen.

Eine Bekannte schickte mir neulich ein Foto aus dem Urlaub. Ein opulentes Strandhaus. Ihr Traum, schrieb sie, sich so etwas einmal leisten zu können. Ich schickte ihr ein Foto meines Hauses aus Animal Crossing zurück.


In Animal Crossing: New Horizons auf der Switch kann man sich mit Tieren anfreunden, Angeln gehen, Insekten sammeln – und Häuser bauen und einrichten. Diese doch eigenwillige Mischung sorgte 2020 für ein virales Phänomen und einen der erfolgreichsten Titel der Spielegeschichte.

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