Home Is Where The Kart Is

Ferne Galaxien, bunte Märchenwelten oder düstere Horrorszenarien – Videospiele bieten uns Schauplätze fern unserer Realität. Die Möglichkeit, in Games dem eigenen Leben für ein paar Level zu entfliehen und neue Rollen einzunehmen, ist eine Form des Eskapismus, die vielleicht kein anderes Medium so eindrucksvoll schaffen kann. Doch ganz egal, ob ich durch das Pilzkönigreich springe oder in der Allianz Arena auf Torejagd gehe, ein Spielort bleibt doch zumeist gleich: Mein Wohnzimmer.

Eigentlich gehöre ich gar nicht zu den Menschen, die eine Art Gaming-Altar in ihrem Zuhause aufbauen müssen. Meine Konsolen sind hinter einer Schranktür versteckt, die Spiele mittlerweile meist nur noch auf der Festplatte und selbst die doch irgendwie dekorativen Amiibo-Figuren wurden vor ein paar Monaten in eine Schublade verbannt. Und trotzdem sind weniger Gaming-affine Besucher häufig über den Schauplatz meiner Spieleabenteuer verwundert. Denn der Fernseher ist dann doch ein bisschen größer als notwendig, neben der Fernbedienung liegt selbstverständlich ein Gamepad und die Möbel sind eben doch so angeordnet, dass einem eindrucksvollen Spielerlebnis nichts im Weg steht – auch, wenn man sich bei Treffen im Freundeskreis dann ein bisschen umständlich im Raum verteilen muss.

So richtig bewusst war mir das bisher allerdings gar nicht. War mein Wohnzimmer bisher eine Art aktiv-passiver Ort, in dem ich zwar körperlich spielte, aber ihm auch geistig entflohen war, hat sich das mit Mario Kart Live Home Circuit nun geändert. Das Mixed-Reality-Mario-Kart lässt mich Strecken zwischen Couch und Kommoden bauen, die ich dann auf der Switch spiele. Die Wirkung ist verblüffend: Irgendwie wird meine Existenz multipliziert. Während ich auf der Couch spiele und die Koopalinge um den Rundkurs hetze, tauchen meine Beine auf dem Switch-Screen plötzlich als gemeingefährliche Hindernisse auf. Eine Karambolage mit mir selbst irritiert tatsächlich doppelt. Im Spiel verliere ich meine Position, in echt fährt mir ein Spielzeug-Kart ans Schienbein. Aua! Gerade in den ersten Runden mit Mario Kart Live haben mich solche Situationen mehrfach überrascht und überfordert. Mein Gehirn scheint kaum fähig, das Spielgeschehen und die wirklichen Ereignisse in meinem Wohnzimmer in Einklang zu bringen. Und wenn Kamek dann auch noch den Raum spiegelt, verliere ich die Orientierung vollständig!

Bisher war mein Wohnzimmer ein stiller Ort. Die Action fand im Bildschirm statt, und obwohl ich Protagonist war, war ich irgendwie auch nur Zuschauer, gleichzeitig in eine Welt eingetaucht und doch von ihr abgekoppelt. Mario Kart Live reißt diese Barriere ein und nimmt mich mit auf die Strecke. Damit ist es zwar trotzdem noch lange nicht der beste Teil der Mario-Kart-Reihe, aber ein Spiel, das ich so nicht so schnell vergessen werde – und das mein Wohnzimmer zur Bühne einer einmaligen Gaming-Erfahrung gemacht hat.


Mit Mario Kart Live Home Circuit hat Nintendo im Herbst 2020 nicht nur überraschend einen neuen Teil der Mario Kart Serie aus dem Hut gezaubert, sondern in Zusammenarbeit mit Entwickler Velan Studios eine Mixed Reality-Erfahrung geschaffen, die jedes Zimmer zur Rennstrecke werden lässt.

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