Hallo, Pokémon Go?

Es gibt ein beliebtes Konzept bei Videospielen, das ich lange überhaupt nicht nachvollziehen konnte: Multiplayer mit Fremden. Wieso um alles in der Welt sollte ich mich zuerst vor der in ungesundem Maß überbevölkerten Welt da draußen in den Schein meines Monitors flüchten, um mich dann doch wieder dem Stress sozialer Interaktion auszusetzen? Jeder Mensch außerhalb meines Freundeskreises ist potentiell ein Troll. Und wenn nicht, werde ich nervös, selber unangenehm aufzufallen. Ich könnte anderen den Spielspaß durch Langsamkeit oder mangelnden Skill ruinieren, mich durch das Missverstehen gängiger Abkürzungen blamieren, bei der Planung der Taktik zu wenig oder zu sehr die Initiative ergreifen, in persönliche Fettnäpfchen beim Small Talk treten, oder, oder, oder…  Nein, ich habe nie den Reiz dahinter verstanden, gemeinsam mit wildfremden Menschen egal welches Spiel zu spielen. Ich war mein Leben lang schüchtern, und damit habe ich mich arrangiert.

2017 passierte es dann aber doch – das erste Spiel schaffte es, mich aus der Reserve zu locken. Ich erkannte das in einem bestimmten Moment an einem ausgesprochen gutwettrigen Tag, als ich mit Smartphone und überdimensionierter Powerbank durch den Bad Vilbeler Park streifte. Ich hatte damals das Glück, in der perfekten Gegend für Pokémon Go zu wohnen, weil Bad Vilbel über viele Pokestops und Arenen verfügt, die man auf einer angenehmen Route abseits befahrener Straßen ablaufen kann. Auch ein Jahr nach dem Launch waren große Menschenansammlungen bei Raids keine Seltenheit, weil viele sogar extra aus den Nachbarstädten anreisten. Und mit der Zeit hatte ich mich daran gewöhnt, mich diesen Gruppen einfach anzuschließen, um Raids bestreiten zu können. Man musste ja dafür nicht einmal miteinander reden – man stellte sich einfach unauffällig in die hintere Reihe. Pokémon Go bot eine absolut stressfreie Multiplayer-Erfahrung für schüchterne Menschen wie mich, bei der ich in eine Community schlittern konnte, ohne es richtig zu bemerken. 

Auch an diesem Tag stieß ich auf einen Raid, allerdings abseits der beliebten Plätze. Es waren nur zwei Kinder anwesend, die trotz meiner Verstärkung wenig Chancen auf einen Sieg gehabt hätten. Es gibt wenig herzzerreißenderes auf der Welt, als enttäuschte Kinder beim Pokémon Go Spielen. Ohne lange nachzudenken bot ich also an, in den gut besuchten Park zurückzukehren, und dort noch rechtzeitig vor Ablauf des Counters Pokèmon-Spieler für unsere wichtige Mission zu rekrutieren. Raids laufen nämlich auf Zeit. Ich rannte zurück, sah mich außer Atem um, und sprach das nächstbeste Paar an, das gebannt auf seine Smartphones starrte. Wie ungeübt ich in der Kontaktaufnahme mit fremden Menschen war, merkte ich daran, dass mich die Frage nach dem “Du” oder “Sie” verunsicherte. Ich entschied mich für ein grammatikalisch fragwürdiges aber unverfänglich neutrales „Hallo, Pokémon Go?“, garniert mit einem entwaffnenden Lächeln. Trotz hohem Creep-Faktor stellte sich schnell heraus, dass ich richtig getippt hatte und die beiden einem Raid nicht abgeneigt waren. Das Eis war gebrochen. Zugegeben, dem rasselnden Schnaufen neben mir nach zu urteilen, hätten sie wahrscheinlich abgelehnt, wenn ich ihnen vorher verraten hätte, dass wir in der prallen Sonne den steilsten Weg der Stadt erklimmen mussten. Aber hauptsache, sie folgten mir, schienen Spaß zu haben und wir absolvierten den Raid erfolgreich. Was mir aber mehr im Gedächtnis blieb als dieser Sieg, war, als sie zu mir sagten, dass ich sehr offen auf Menschen zugehen könne, weil ich sie einfach so angesprochen und zu dem Raid eingeladen hätte. Das war ein Schock für mich. Es war das Gegenteil von dem, was seit der Grundschule von anderen über mich gesagt wurde. Und das nur, weil ich den Kiddies bei ihrem Raid helfen wollte?

Tatsächlich haben mir meine etwas über drei Jahre mit Pokémon Go rückblickend erstaunlich viel von meiner Unsicherheit genommen, auf fremde Menschen zuzugehen. Das war ein schleichender Prozess, aber in diesem Moment habe ich es begriffen. Kein anderes Spiel war für mich ein so einschneidendes Erlebnis. Einfach raus gehen und gemeinsam spielen, egal wie verschieden man ist, ohne Angst vor Beleidigungen oder davor, selber unfreiwillig anderen den Spielspaß ruinieren zu können. Mit einigen Jahren und einem Umzug Abstand finde ich es immer noch beeindruckend, wie Niantic es damals geschafft hat, Menschen, die sonst niemals miteinander ein Videospiel gespielt hätten, genau dazu zu bringen. Auf dem kochenden Asphalt einer wenig attraktiven Straße sitzend, die man sonst wahrscheinlich auch nie besucht hätte.


Dem Pokémon Go Hype konnte man sich zum Release dieses immens erfolgreichen Mobile Games im Sommer 2016 nur schwer entziehen. Zu der bekannten Sammelsucht als Anreiz kam hinzu, dass man sich auf der Suche nach neuen Pokémon durch die echte Welt bewegt und dabei natürlich auf echte Menschen trifft.

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