Gewalt ohne Darstellung

Das Auskochen der Augäpfel mit einem Brenneisen ist für den Gefangenen nicht lebensbedrohlich, aber der psychologische Effekt ist nicht zu unterschätzen. Oder ist es taktisch klüger, doch erst einmal Nadeln unter die Fingernägel zu schieben?

The Executioner ist das Erstlingswerk der russischen Indie-Entwickler von Lesser Evil Games, und der Name ihres Studios ist Programm. Während wir es bereits von zahlreichen anderen Spielen gewohnt sind, mit schwierigen moralischen Entscheidungen konfrontiert zu werden, wirkt die Ausweglosigkeit der hier gezeigten Situationen außergewöhnlich bitter. Man übernimmt die Rolle eines Henkers in einer fiktiven, spätmittelalterlich anmutenden Stadt. Als solcher hat man nicht nur die Aufgabe, im Namen der Krone Exekutionen durchzuführen, sondern auch, im Folterkeller Geständnisse zu erzwingen. Während Simulationen über den Arbeitsalltag von Reinigungsfachkräften, Busfahrer:innen oder sogar Einbrecher:innen für harmlosen Spielspaß sorgen, ging mir hier bereits mein erster Arbeitstag zwischen den Folterwerkzeugen gewaltig an die Nieren. Dabei hätte ich bisher von mir behauptet, dass ich durch meine Vorliebe für Horrorfilme ziemlich abgehärtet gegenüber medialer Gewalt bin. Aber obwohl ich das ungewöhnliche Thema von The Executioner faszinierend finde, habe ich es seitdem noch nicht weitergespielt. „Dafür muss ich in der Stimmung sein…“ sagte ich mir, und habe inzwischen eingesehen, dass ich vielleicht nie in der Stimmung sein werde, Menschen zu foltern.

Gerade das Nicht-Weiterspielen hat mich allerdings dazu bewegt, erst recht über diese Erfahrung schreiben zu wollen. Ich mag an die vieldiskutierte Gewaltdarstellung in Videospielen gewohnt sein, aber was viel seltener thematisiert wird, ist die nicht dargestellte Gewalt. Müssen wir herumfliegende Körperteile wirklich sehen, um die Brutalität als grenzwertig zu empfinden? The Executioner konfrontiert dich nur in Textform mit deinen Taten. Illustrationen sorgen zwar für eine stimmige Atmosphäre, halten sich aber so weit zurück, dass ich dem Ganzen keine unangemessen reißerische Machart vorwerfen würde. Möglicherweise trifft mich die Gewalt gerade deshalb auf einer anderen Ebene, weil ich mich lesend intensiver damit auseinandersetzen muss. Die detaillierten Beschreibungen lassen einen nicht nur tief in die Situation eintauchen, sondern regen auch die Fantasie an, sich dazu eigene Bilder im Kopf vorzustellen. Ohne Zeitdruck beginnt man unweigerlich, Parallelen zur Realität zu ziehen. Denn auch wenn das Setting sich auf eine lange zurückliegende Vergangenheit stützt, weiß ich natürlich, dass Folter auch heute noch existiert.

Als ich etwa 10 Jahre alt war, wurde in der Tagesschau über den Golfkrieg berichtet. Die letzten Überlebenden einer Familie erzählten davon, wie ihre Angehörigen aus dem Haus gezerrt, brutal gefoltert und hingerichtet wurden. Dieser kurze Einspieler brannte sich mir ein und sorgte für mehr Unwohlsein und Angst als jeder Horrorfilm. Die Erzählung, die so viel Raum für die eigene Fantasie lässt, in Kombination mit der Gewissheit, dass diese Gräueltaten wirklich passieren… The Executioner hat mich an das Gefühl von damals erinnert. Obwohl man in diesem Folterkeller nur mitliest, und die englische Übersetzung nicht einmal sonderlich gelungen ist, entsteht für mich eine direktere Auseinandersetzung mit der Gewalt, als ich das bisher mit einer Waffe in der Hand in einem Shooter erlebt habe. Und auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich jemals weiterspielen werde, finde ich es gut, dass auch solche unangenehmen Experimente zustande kommen, solange sie mehr bieten als bloßen Torture Porn. Videospiele müssen nicht immer Spaß machen, sondern dürfen mir gerne Grenzen zeigen, derer ich mir vorher nicht wirklich bewusst war. Schließlich ist Folter nichts, was einem gute Laune bereiten sollte, und das wird hier überzeugend vermittelt.


The Executioner wurde 2019 für den PC und 2020 für die Nintendo Switch veröffentlicht und erntete aufgrund der schlechten Übersetzung viele negative Kritiken bei Steam. Möglicherweise hat man die gröbsten Fehler für die Switch Version ausgebügelt. Über den Umfang kann ich leider nach meiner kurzen Spielzeit nicht viel sagen, aber verschiedene Orte, Fähigkeiten und eine aufkeimende Revolution versprechen Abwechslung. Vorausgesetzt, man möchte sich auf diese deprimierende Spielerfahrung einlassen.

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