Für andere aufräumen

Ich weiß nicht genau, womit die Menschen während des Dritten Weltkriegs aufeinander eindreschen werden, aber eins weiß ich: Bis zum Vierten sollte sich die Sphinx unbedingt ein paar neue Fragen überlegt haben. Dass der Dritte Weltkrieg ohne den Gebrauch von Atomwaffen auskommen wird, ist unwahrscheinlich. Als selbsternannter Experte im Bereich der Horrorspiele, -literatur und -filme weiß ich, was damit einhergeht: durch Strahlung hervorgerufene Mutationen des menschlichen Körpers. Und bei einer Menschheit mit von diesem Moment an durchschnittlich 3,5 Beinen, wäre die (mittlerweile zudem vollkommen ausgelutschte) Frage nach der sich binnen vierundzwanzig Stunden ändernden Bebeinung eines Menschen nur noch schwer zu beantworten.

Auf der Suche nach einer neuen Frage stieß ich auf die ebenfalls allseits bekannte und genauso oft durchgekaute Friseurfrage. In einem Dorf leben zwei Friseur*innen. Eine*r ist stets gut frisiert, der*die andere nicht. Zu wem gehst du? Tja. Zu wem geht man, wenn man aufgrund atomarer Verseuchung keine Haare mehr hat? Die arme Sphinx. Was fragt man eine zwar nicht durch Freude aber dennoch stets strahlende Menschheit?

Zum Glück hatte ich die rettende Idee: in einem Dorf leben zwei House Flipper*innen. Die Bude des*der einen ist eine wahre Prachtvilla und solche Augenweide, dass Augen fressende Kühe wochenlang darauf leben könnten. Die andere ist eine verranzte Holzbruchbude, deren Einrichtung nicht nur versifft, sondern genauso kaputt ist. Auch die neben dem dreckigen Schreibtisch auf dem Boden stehende Kettensäge sollte nicht unerwähnt bleiben. Zu wem gehst du, um deinen Atomschutzbunker neu einrichten zu lassen?

Die Antwort ist klar: zu der Person mit der Bruchbude. Also zu mir. Ich spiele House Flipper nicht, um mir selbst ein schönes Zuhause zu bauen, sondern um andere Menschen glücklich zu machen, indem ich ihre vier Wände auf Hochglanz poliere.

Dabei mache ich mehr als nötig. Habe ich jemandes Garage geputzt und aufgeräumt, sortiere ich den Bewohner*innen sogar noch das Werkzeug in die Regale ein. Dafür gibt es weder Geld noch Dank. Trotzdem mache ich es. Weil es sich gut anfühlt und mich glücklich macht.

Wieder zu Hause freue ich mich über das verdiente Geld, klettere über die Kettensäge und setze mich an den Schreibtisch, um nach neuen Aufträgen Ausschau zu halten. Nach neuen Menschen, die meine Hilfe benötigen.

Ich habe mal Fotos von Marie Kondos eigenem Haus gesehen. Diese haben mich wegen der auf ihnen abgebildeten Ordnung schockiert. Sollten sie nicht inszeniert worden sein, um so zu tun als ob, kann ich nur davon abraten, den Tipps dieser Frau zu folgen. Wer eine so saubere und organisierte Wohnung hat, arbeitet nicht für das Allgemeinwohl, sondern nur für sich selbst.

Kopfschüttelnd lege ich mich wieder in mein schmutziges Bett und ignoriere die gute Laune der Kakerlaken darunter. Morgen beginnt ein neuer Tag. Ein neuer Tag, an dem ich Menschen dabei helfe, sich ein kleines bisschen besser zu fühlen. Ich lebe, um andere zu unterstützen. Auch die Sphinx. Der helfe ich genauso gerne. Sie freut sich sehr über ihre neue Frage. Außerdem hat sie mir erlaubt, demnächst ihren Rasen zu mähen und die neue Grillecke einzurichten.


In House Flipper räumt man die Häuser anderer Menschen auf. Man kauft und platziert neue Möbel, streicht und zieht Wände, beseitigt Verunreinigungen oder errichtet eine neue Grillecke. Man kann sich dabei auf das Beschränken, was die Auftraggeber*innen von einem verlangen, oder mehr machen, weil es die eigenen Ticks von einem verlangen. Zwischendurch kann man auch einfach mal ein wenig der Farbe beim Trocknen zusehen.

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