Eine Runde Sache

Wenn ein Kuchen angeschnitten wird, sieht das Ergebnis aus wie ein unvollständiger Kreis. Ganz formal betrachtet, scheint ihm etwas zu fehlen. Eine Erklärung für diese Sicht könnte in dem Streben nach Vollständigkeit und Perfektion liegen. Dieses ist – wie der Wunsch nach Symmetrie und Ordnung – tief in uns verankert. Allerdings haben wir manchmal ein sehr schräges Bild von Perfektion. Wird der Kuchen nie angeschnitten, ist er irgendwann ungenießbar. Und selbst wenn ein Stück fehlen sollte, bleibt er doch trotzdem genauso lecker. Im besten Fall dokumentiert kein einziger Krümel die Schlacht um das letzte Stück. Und genau von einem solchen Perspektivwechsel handelt Journey of the Broken Circle.

Das Spiel ist ein ziemlich simpler Plattformer. Die Spielmechaniken sind ganz spaßig und erfordern teilweise sogar Geschick. Für mich sind sie allerdings mehr Mittel zum Zweck. Sie sollen die Intention der Geschichte des Spiels unterstreichen. Der Held, der entfernt an Pac-Man erinnert bzw. an einen unvollständigen Kuchen, sucht nach dem passenden Partner für seine Reise durch das Leben. Wenn er nur rund wäre, würde alles besser laufen, behauptet er anfangs. Und tatsächlich findet er passende Stücke, die seine Lücke füllen. Alle drei „Level-Abschnittsgefährten“ bescheren dem „kaputten Kreis“ viele wunderbare Erlebnisse, weil sie sehr unterschiedliche Eigenschaften mit sich bringen – das Klettern, das Fliegen und das turboschnelle Rasen.

Doch mit keinem Partner läuft es dauerhaft rund. Und wenn es nicht rund läuft, kommen auch mal Selbstzweifel. Manche Trennung hat daher eine depressive Phase zur Folge. Zum Glück gibt es einen speziellen Partner, der den kleinen kaputten Kreis in dieser Zeit begleitet. Das klettenartige Gebilde füllt allerdings keine Lücke wie die anderen, sondern legt sich schützend um dich herum, fängt dich auf und gibt dir Halt – so wie Freunde und Familie es tun würden, wenn es dir schlecht geht.

Journey of the Broken Circle ist eine wunderschöne, zusammenhängend erzählte, interaktive Geschichte. Sie streift ernste Themen und ist trotzdem so simpel, dass die Handlung auch für Kinder verständlich ist. Auf spielerische Art und Weise wird mit dem Mythos vom Seelenverwandten aufgeräumt und die schnulzigen Geschichten von einzig wahrer Liebe in Frage gestellt. Natürlich glaube ich trotzdem an Liebe, sogar an bedingungslose Liebe. Doch wer dem Gedanken verfällt, dass es einen perfekten Partner gibt, wird danach suchen und einsam bleiben. Einige verlieben sich sehr schnell – vielleicht um nie einsam zu sein. Tja, und manche predigen die Selbstliebe als den wahren Ausweg. Doch wer es absolut betrachtet, hat keinen Platz mehr für andere in seinem Leben.

Und ganz passend zum Zeitgeist wird eben auch der Buddhismus aufgegriffen. Diese Religion lehrt in vielerlei Hinsicht den Perspektivwechsel auf das Leben. Ein unvollständiger Kreis steht im Buddhismus für Offenheit. Der vermeintliche Fehler – er ist ein Feature. Ich halte mich trotzdem weiter von Buddhismus, Yoga und Achtsamkeit fern und bleibe bei dem, was mir zuerst in den Sinn gekommen ist, als ich den niedlichen, unvollständigen Kreis gesehen habe: Kuchen ist einfach immer lecker!


Journey of the Broken Circle stammt vom dänischen Indie-Entwickler Lovable Hat Cult. Das Studio hat mit seinem ersten Projekt vor vier Jahren für viel Aufsehen gesorgt. Das Spiel namens Le Petite Mort ist eine musikalische Erfahrung über den weiblichen Orgasmus und wurde oft verkürzt als Vagina-App bezeichnet. Die Geschichte von Journey of the Broken Circle dagegen ist komplett jugendfrei. Das Abenteuer ist seit September 2020 für PC, Mac und Nintendo Switch erhältlich. Eine Umsetzung für Android und iOS ist bereits angekündigt.

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