Ein Wellenbad für Aliens

Als ich noch ein kleines Kind war, ging ich hin und wieder mit meinen Eltern ins heimische Wellenbad, um dort zu schwimmen. Beginnen manche ihre Traumageschichten damit, dass sie eines Tages zu weit aufs Meer hinausschwammen und dort beinahe ertranken, während Haie ihre Eltern fraßen und Quallen ihre Geschwister quälten, und man sich fragte, warum Haie die eigenen Eltern fressen und Quallen die eigenen Geschwister so quälen und man irgendwie froh war, hier alleine auf dem Meer zu verrecken, während die eigenen Familienverhältnisse definitiv besser lagen, als die der Meeresbewohner schwammen, fällt meine anders aus.

Hin und wieder erwache ich mitten in der Nacht, weil ich in meinen Träumen von einem Megafon verfolgt werde, aus dem laut dröhnt: »Achtung, es folgt die nächste Welle!« So fingen sie nämlich immer an. Die Warnungen vor der nächsten Welle. Es war immerhin ein Wellenbad. Stündlich wurden die Turbinen angeschmissen, an die man nicht zu nahe herantauchen durfte, um nicht von ihnen in den nächsten Final Destination-Film verwandelt zu werden. Natürlich bin ich trotzdem immer herangetaucht. Warum auch nicht. Was erwartete mich denn über den Wellen? Nichts. Nichts außer dieser bescheuerten Terminator-Arcade-Maschine, mit der ich nicht spielen durfte, weil ich zu jung war.

Ja, das Trauma sitzt tief. So tief wie das Meer, in dem ich nie Haien dabei zusehen konnte, wie sie ihre Eltern fraßen. Die Terminator-Maschine stand im Unterhaltungsbereich des Wellenbades. Man musste eine Treppe erklimmen, um diesen zu erreichen. Dort gab es Eis, Getränke, Sitzmöglichkeiten und eine Arcade-Maschine, auf die zwei Maschinengewehre montiert waren, mit denen man auf Terminatoren schießen konnte. Und mit »man« meine ich die gesamte Menschheit außer mich. Ich durfte nicht.

Als ich die Maschine zum ersten Mal sah, war es um mich geschehen. Ich wollte neben ihr ein Haus errichten und ihr von diesem Moment an mein gesamtes Leben widmen. Ich ging zu ihr, nahm die Maschinengewehre in die Hand, erfreute mich an dem Gewicht, bekam Gänsehaut von den auf dem Fernseher herumlaufenden Terminatoren, die nur darauf warteten, von mir erschossen zu werden, nahm die Soundeffekte in mich auf und wurde von einem Erwachsenen weggescheucht, weil die Maschine nichts für Kinder sei. Die Arcade-Maschine verwandelte sich in eine Pfütze Seifenblasenseife, floss die Treppe hinunter, vermischte sich mit dem chlorhaltigen Wasser des Wellenbades und wurde so verdünnt, dass es mir nicht einmal mehr möglich war, eine Seifenblase aus ihr zu pusten, die wie meine Träume zerplatzen konnte.

Ich habe nie an der Maschine gestanden und auf Terminatoren geballert. Als Kind habe ich mich seit dem ersten Wegscheuchen nicht mehr an sie herangetraut. Irgendwann war ich dann zu vernünftig, um schwimmen zu gehen, was jetzt nur die Menschen verstehen, die genauso vernünftig sind wie ich. Mittlerweile gibt es das Wellenbad nicht mehr. Trotzdem denke ich auch heute noch immer wieder an diese Maschine und wie gerne ich mit ihr gespielt hätte.

Alien Brigade ist ein Spiel wie das Terminator-Spiel. Nur schießt man statt auf Terminatoren auf Außerirdische und gehirngewaschene Soldat:innen. Außerdem hat man auf der Evercade keine Pistolen in der Hand, sondern steuert das Faden- lediglich mit dem Steuerkreuz. Natürlich ist das nicht miteinander vergleichbar. Warum also diese ausschweifende Einleitung? Weil der dritte Level von Alien Brigade unter Wasser spielt. Statt Haien und Quallen begegnet man hier zwar Delfinen und Tintenfischen, aber seien wir ehrlich: Ab einer gewissen Pixelanzahl fällt der Unterschied zwischen diesen Meerestieren sowieso äußerst minimal aus. Spielprinzip und Wasserlevel haben jedenfalls etwas in mir hervorgerufen, was ich lange verdrängt hatte. Die nächste Welle an unangenehmen Erinnerungen brach über mir zusammen und ließ mich mit einer literarischen Bildsprache zurück, die genauso weit hergeholt ist, wie der Vergleich der Filme Terminator und Phantom Commando.

Eigentlich ist Alien Brigade eher Phantom Commando als Terminator. Immer wieder fühlt man sich wie Schwarzenegger zwischen Rosensträuchern. Man schießt und schießt und schießt auf Feinde, die gerade nichts Besseres zu tun haben, als sich in die Schussbahn der Spieler:innen zu bewegen. In Alien Brigade fühlt sich das wahnsinnig gut an. Untermalt wird das Ganze von Geräuschen, die man fast nicht besser hätte hinbekommen können. Schüsse, Explosionen, sterbende Aliens, fliegende Untertassen und viele andere Dinge sorgen für eine dem Chaos auf dem Bildschirm angemessene chaotische Musikuntermalung, die vermutlich jeder oder jedem auf die Nerven geht, die oder der gerade neben einem Menschen sitzt, der Alien Brigade spielt und den Ton aufgedreht hat. Spielt man es selbst, ist es phantastisch. Hört man es dagegen nur, wäre man gerne auf ein Hörgerät angewiesen und hätte dieses zu Hause vergessen.

Gleichzeitig ist Alien Brigade wie die Szene in Predator, als eine Gruppe Soldaten das Lager einer Horde böser Menschen stürmt. Gerade der erste Level erinnert sehr daran, obwohl man an keiner Stelle im Spiel ein Auto hochhebt, um ein Gebäude in die Luft zu sprengen. Dafür muss man Geiseln retten. Arme Soldat:innen, die von bösen Außerirdischen in böse Außerirdische verwandelt werden sollen. Zuerst retten wir Soldat:innen, dann Tourist:innen, dann das Weltmeer, nur um zuletzt die Gehirnwaschanlage zu zerstören und es am Ende mit der Alienkönigin aufzunehmen, weil in diesem Text selbstverständlich ein Vergleich mit dem Film Aliens nicht fehlen darf.

Alien Brigade ist absurd. Gleichzeitig aber auch hochaktuell. Während in unserer Welt zu Pandemie-Zeiten Skigebiete und Urlaubsinseln besucht werden, weil man da verdammt noch mal ein Recht drauf hat, fahren in Alien Brigade ein paar Tourist:innen Jetski, während ich mit einem Maschinengewehr auf Außerirdische baller. Manchmal fahren auch die Aliens Jetski, was bedeutet, dass ich auf alles und jede und jeden schieße, das, die oder der gerade Jetski fährt und dadurch leider auch die Urlauber:innen daran glauben müssen, dass mir ihre Ermordung total leid tut. Ob das stimmt oder nicht, muss am Ende jeder für sich entscheiden. Wobei das letztendlich an meinem Vorgesetzten hängen bleibt. Der sagt irgendwann: »Jetzt ist genug!«, und kritisiert mein rücksichtsloses Vorgehen. »Erschieß doch mal lieber Aliens statt Zivilist:innen.«, sagt er dann und der Abschnitt beginnt von vorne. Ich zucke mit den Schultern und dem Finger am Abzug. Dann schieße ich eben nicht auf den Helikopter, der meine Kamerad:innen gerade in Sicherheit bringen soll. Für die Menschheit.

Gut, dass Alien Brigade über mehrere Schwierigkeitsgrade verfügt. Vier Stück sogar! Der einfachste eignet sich hervorragend, um Szenen für ein Video zu erstellen, in dem man über Alien Brigade redet. Ab dem normalen Schwierigkeitsgrad sieht die Sache anders aus. Da kann einem schon einmal die Munition ausgehen, wodurch die Alienkönigin kurzen Prozess mit einem macht. Vor allem der Wasserlevel stellt hier eine Herausforderung dar, da man währenddessen nicht mit Munition oder Lebenskraft versorgt wird. Außerdem schießt man mit einer Harpune, deren Schussgeschwindigkeit eine kleine Frechheit darstellt, die nicht dafür sorgt, dass Wasserlevel in Videospielen im Ansehen steigen. Auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad hat Alien Brigade dann den Schuss nicht gehört, obwohl ich die ganze Zeit über mit Dauerfeuer um mich baller und nicht mit Kopfhörern spiele.

Letztendlich ist Alien Brigade ein phantastisches Spiel, in das ich in den letzten Wochen tatsächlich viele Stunden gesteckt habe. Ich krame es immer wieder hervor, um mich an die Zeit im Wellenbad zu erinnern, als ich meine Eltern fragte, ob ich ein Eis bekäme, nur um es in einiger Entfernung zur Terminator-Maschine zu essen und anderen Kindern beim Spielen zuzusehen. Ich wäre gerne eines dieser Kinder gewesen. Aber ich war es nicht. Ich war leider zu jung. Das Eis hat trotzdem gut geschmeckt.

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