Die Nummer 1

Ich sage gerne, dass mein Spielgeschmack mit dem Alter anspruchsvoller geworden ist. Das mir ein narrativer Fokus oder eine kreative Idee wichtig sind, die sich vom Mainstream-Geschmack abheben. Und natürlich war uns, als wir die Idee für WALL JUMP entwickelten, ja genau das wichtig: Ein schon etwas elitäres Videospielmagazin für Menschen Ü30, die jene Momente ihrer Spielebiographien teilen, die vielleicht schon von etwas mehr kulturellem Verständnis zeugen, als uns das vor einigen Jahren noch möglich war.

Und nun sitze ich hier und schreibe über Fortnite.

Wie man von älteren Verwandten lernt, muss man natürlich erst einmal weit ausholen, wenn man der Jugend Geschichten erzählt. So geht es mir auch, wenn ich von meinem ersten Augenblick mit Fortnite spreche. Es war ein relativ ordinärer Dienstag Nachmittag. Die Wohnung gehörte für ein paar Stunden mir, die Arbeit im Homeoffice ermöglichte ein paar Minuten der Prokrastination und so tat ich das, was ich manchmal noch häufiger tue, als wirklich neue Spiele zu spielen: Ich scrollte mich durch die nach Gesamtspielzeit sortiere Übersicht meiner Nintendo Switch-Spiele und hatte auf nichts so richtig Lust. Irgendwann, sehr, sehr weit unten in dieser sehr, sehr unübersichtlichen Auflistung, erspähte ich das Fornite-Logo. Runtergeladen hatte ich Fortnite bereits zum Switch-Release, weil man das ja doch irgendwie mal spielen sollte, gestartet hatte ich es nie. Außerdem geht es mir mit Fornite so wie mit den meisten Dingen, die die Jugend feiert: Ich verstehe sie nicht ganz. Irgendwie ist Fortnite für mich halt kein neuer Shooter, sondern es ist eine seltsame Verbrüderung von Videospielen mit TikTok, bei der zumeist männliche Teenager irgendwie ballern und irgendwie tanzen und sich dabei irgendwie ziemlich geil fühlen. Und weil meine LAN-Party-Jugend natürlich noch total verschwörerisch Teil einer unglaublich relevanten Subkultur war und Fortnite ein Mainstream-Massenphänomen mit Marshmello-Konzerten und Marvel-Crossovern ist, ist es halt schon ziemlich uncool.

Aber man ist ja nur so alt, wie man sich fühlt, und wie gesagt, irgendwie sollte man das ja irgendwann mal spielen. Und ich hatte ja eh auf nichts Lust. Also: Spiel gestartet, die Seele an die Terms of Service von Epic verkauft, diesen ganzen Free-to-Play-Wahnsinn ignoriert und ab ins Spiel. Keine Minuten später segelte ich also aus einem Omnibus auf eine Insel, ganz so, wie ich es schon so oft in der Youtube-Werbung gesehen hatte. Nach all der Verheißung: Ich, verloren und und alleine in einer Nische der Welt, ohne Waffe und ohne Plan, wie man dieses Spiel überhaupt spielt. Also lief ich durch ein paar verlassene Häuser, bis ich ein Gewehr fand. Endlich, Zeit für Action! Laut Radar lieferten sich gerade einige Spieler ein Gefecht in der Nähe. Doch verdammt! Der wilde Kampf passierte außer Reichweite, auf einer Festung, die von Wasser umgeben war. Die nächsten Spielminuten beobachtete ich das Geschehen also von außen und suchte eine Lösung, um auf die Insel zu kommen. Irgendwo musste doch ein Boot sein? Nunja, kurz gefasst: Bis mir klar wurde, dass man einfach ins Wasser springen und schwimmen kann, hatten sich die Mitspieler dort bereits gegenseitig eliminiert, mich übersehen und waren auf der Map weitergezogen. Immerhin gab es doch noch einigen Loot einzusammeln – und doch noch ein Boot, mit dem ich ein paar gelangweilte Kreise zog. Meine kleine Ausflugsfahrt fand ein jähes Ende, als das Spiel den näher rückenden, die Spielwelt einengenden lila Nebel androhte. Also floh ich vor der bevorstehenden Auslöschung, versuchte mich dabei stets hinter Bäumen, Hügeln und Objekten zu verstecken – und bekam plötzlich die Info, dass nur noch 12 Spieler überlebt haben. Die ersten beiden traf ich auch kurz darauf, beobachtete, wie der eine den anderen erlegte, und erschoss ihn dann aus dem Hinterhalt. Mein erster Kill! Nur noch 10! Meine bisherigen Überlebensinstinkte schienen sich auszuzahlen. Und mein Plan war daher nur konsequent: Die nächsten Minuten versteckte ich mich in einem verlassenen Bus. Und tatsächlich, irgendwann waren wir zu zweit. Ich und mein Nemesis.

Das Finale meiner Fortnite-Party ist schnell erzählt: Mein Widersacher schien geübt und baute komplexe Konstruktionen, um mich aus erhöhter Position ausschalten zu können. Leider hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht herausgefunden, wie man irgendetwas baut, und rannte daher die ganze Zeit nur wirr im Kreis, um nicht getroffen zu werden. Diese offenkundig neuartige Taktik führte dazu, dass meinem Gegenspieler irgendwann die Übersicht abhanden kam – und er plötzlich mit dem Rücken zu mir stand. Ein paar Schüsse, und – ich hatte gewonnen!

Erst, als die Partie vorüber war, bemerkte ich meinen Adrenalinpegel. Ein Siegestaumel, wie nach einer Partie Unreal Tournament, damals mit den Schulfreunden. Ich kann es noch! Der Triumph musste natürlich ausgekostet werden: Ein Screenshot des ersten Platzes landete sofort auf Twitter, wurde beim Abendessen der Freundin präsentiert und im Firmen-weiten Teamchat veröffentlicht. Doch die Anerkennung, die einem einst zuteil wurde, blieb dieses mal aus. Desinteresse. Nur die Behauptung, dass einen Fortnite anfangs sowieso erstmal gegen Bots gewinnen lässt, schlug mir entgegen. Danach gegoogelt habe ich nicht – allerdings seitdem auch nie wieder Fortnite gespielt. Wieso auch? Ich bin ja schließlich die Nummer 1.


Fortnite von Epic Games ist tatsächlich irgendwie mehr als ein Spiel. Im kostenlosen Mehrspieler-Shooter kämpfen nicht nur Millionen Jugendliche um die Vorherrschaft, sondern treffen sich auch zu Konzerten, Kinoabenden – oder einfach nur zum reden.

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