Der schönste Arsch der Welt

Mein Interesse am weiblichen Geschlecht ist relativ beschränkt. Nicht, weil ich Berührungsängste habe und schon gar nicht aufgrund von Abscheu. Die Biologie hat mich einfach nur mit anderen Filtern ausgestattet. Ein gewisser Typ hat es mir allerdings immer wieder angetan: Starke Frauen. Es gibt sie in allen Farben, Formen und Größen. Und in solchen Momenten kommen durchaus manchmal die Zweifel: Vielleicht doch nicht schwul?

Und so ging es mir auch mit einer gewissen Hexe, die den Durchbruch für Platinum Games bedeutete. Das mit Bayonetta war eine Liebe auf den ersten Blick: Sie ist wenig zimperlich mit ihren Widersachern, bei jeder Bewegung unfassbar elegant und besitzt noch dazu ein ziemlich loses Mundwerk. Besonders prägend in Erinnerung geblieben ist jedoch ein lasziver Kameraschwenk über den kurvigen Körper mit dem schönsten Hintern der Videospielgeschichte – und einer finalen Nahaufnahme vom Schritt. Wow. Ich war völlig baff.

Meine Augenbrauen gingen damals sehr weit nach oben. Wie sollte ich also damit umgehen? Wird hier ein weiblicher Charakter zum Objekt degradiert? Ist Bayonetta nur eine wilde Männerphantasie? Es gibt eine ganz klare Grenze für solche ironischen und doppeldeutigen Szenen oder auch Dialoge, aber die Hexe besitzt eine Eleganz, mit der sie ohne Probleme an genau diesen Punkten wahlweise einen Limbo oder einen Poledance hinlegt.

Um Missverständnissen vorzubeugen, muss ich etwas weiter ausholen, um meine Liebe für diesen speziellen Augenblick zu beschreiben. Bayonetta spielt mit dir. Die Kamera mustert sie nicht. Sie wirkt nicht wie ein voyeuristisches Auge, sondern scheint nur den Wünschen von Bayonetta zu folgen. An jeder Stelle im Spiel hat sie die volle Kontrolle über ihre Sexualität und sie genießt das. Sie ist eine unabhängige, starke Frau.

Feinde foltert sie bis zum Tod. Und je überlegener sich ein Gegner fühlt, desto brutaler ist ihre Antwort – ohne aber in den gleichen Wahn zu verfallen wie Kratos in God of War. Das hier ist das krasse Gegenteil einer sexuellen Fantasie – es ist eiskalt servierte Rache. Schwach wird Bayonetta immer nur, wenn echte Gefühle ins Spiel kommen. Es zeigt eine Verletzlichkeit, die ihren göttlichen Opponenten ebenso abgeht wie den dämonischen, die sie selbst kontrolliert. Manche würden es Menschlichkeit nennen.

Dazu kommt ein interessanter Aspekt mit der Geschichte des Spiels. Eigentlich stehen die Umbra-Hexen und die Lumen-Weisen für das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse. Doch als letztere nach einem Krieg verschwanden, wurden auch die Hexen verfolgt. Nun sind es die Engel, welche das Machtvakuum nutzen wollen und die Herrschaft über Himmel, Hölle und Erde verlangen. Allerdings steht ihnen Bayonetta im Weg. Genau genommen erzählt der japanische Entwickler hier durch die Blume eine Geschichte über christlich geprägte, europäische Moralvorstellungen. Und wir im Westen diskutieren nun darüber, ob die Protagonistin vielleicht zu sexy ist. Es ist großartig!

Mag sein, dass einige Menschen es als übermäßige oder unnötige Sexualisierung empfinden. Doch attraktive Frauen sind keine Opfer und wir sollten sie auch nicht zu solchen machen. Aus diesem Grund ist Bayonetta in meinen Augen vielmehr ein alternatives Vorbild der Emanzipation. Und mit dieser Meinung stehe ich nicht allein da. Es ist dem Team gelungen, ihr eine Selbstsicherheit und Würde zu verleihen, die nicht oberflächlich ist, sondern tief in ihr steckt. In jeder Szene ist es zu spüren – ja, so albern das klingt – selbst dann, wenn eine Kamera über ihren Schritt fährt. Vielleicht hat dies auch einfach mit der Tatsache zu tun, dass es eine Frau war, die Bayonetta gestaltet hat.

Ich bin ein entschiedener Gegner von Sexismus. Doch genauso halte ich wenig von Prüderie, weil sie Menschen ebenso der Freiheit beraubt, sie selbst zu sein – auch ich kann ein Lied davon singen. Genau deswegen ist der verdiente Rachefeldzug einer selbstbewussten Frau in meinen Augen ganz große Kunst. Ich betrachte sie nicht als Objekt, sondern als meine Verbündete. Und dafür liebe ich Bayonetta – rein platonisch, versteht sich. Der erwähnte Zweifel an meiner eigenen Sexualität ist übrigens mit dem gleichen Augenzwinkern zu verstehen, den Bayonetta ihren Gegnern gelegentlich zuwirft – vollkommen ironisch.

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