A Place I Don’t Know

Es war schon eine ganze Weile nach meiner geplanten Einschlafzeit, als dieses Lied an dem Ort einsetzte, an dem das Spiel eine gute Stunde zuvor begonnen hatte. In einem Zimmer, aus dem die Protagonistin für einen neonfarbenen Retrosynth-Trip in der Länge eines Popalbums entrissen wurde, um eine oder gleich mehrere gescheiterte Beziehungen zu verarbeiten. Ich lag im Dunklen in meinem Bett und war ehrlich und tief gerührt von dem, was ich gerade erlebt hatte.

Wann immer ich Videospiele spiele, kann ich sie nicht einfach nur genießen. Ich muss sie auch immer gleichzeitig ein wenig analysieren und stelle mir permanent selbst Fragen. Es ist Fluch und Segen zugleich. Wäre dieses Element nicht ziemlich cool in einem neuen F-Zero-Spiel? Warum ist die Steuerung ein wenig unpräzise? Sind die Stages abwechslungsreich genug? Und wie genau ist eigentlich das Narrativ? Auf einige dieser Fragen fand ich beim Spielen keine befriedigende Antwort, aber ganz am Ende das Spiels, als der rollende Abspann die einzige Lichtquelle in meinem Schlafzimmer war, war das wirklich alles egal. Ich hatte einfach nur das Gefühl, etwas Wunderschönes erlebt zu haben. So wie wenn man im entsprechenden Alter nach einer aufwühlenden und ereignisreichen Nacht am Morgen aufwacht und gar nicht genau einordnen kann, was passiert ist. Aber man trägt dieses tiefe Gefühl der Zufriedenheit in sich und weiß, dass alles gut ist.

Sayonara Wild Hearts ist ein ganz besonderes Werk voller Wärme, Traurigkeit und Zuversicht, irgendwo zwischen Videospiel, Lichtshow und Popalbum. Auch nach hunderten durchgespielten Videospielen und hunderten durchgehörten Popalben war es eine völlig neue Erfahrung für mich. Ein bislang unbekannter Ort. Und wie Popmusik im besten Sinne hat es mich berührt, ohne dass ich es zunächst bemerkt hätte, weil es so zuckrig-leicht daherkommt. Aber am Ende hat es mich erwischt. Wenn man im Kino den ganzen Abspann lang sitzen bleibt, um den Film zu verarbeiten und seine Gefühle zu sortieren und dann beschwingt durch die laue Sommernacht streift. Oder sich glücklich und verschwitzt nach einem herrlichen Konzert in den U-Bahn-Sitz fallen lässt.

So war es, als die elektronische Soundwand des Spiels der glasklaren Gitarre wich und die psychedelische Euphorie der Ruhe des eigenen Zimmers. Der Wechsel von lauter Wildheit zu persönlicher Einsamkeit. Es war der Moment, der keinen Platz für Analysen oder Bewertungen lies, sondern einfach nur war. All die fragmentarischen Eindrücke und Gedanken machten einem glückseligen Gefühl Platz, das mich an eine Zeit erinnerte, in der Traurigkeit schön sein konnte. Dass das Spiel mein diffuses Gefühl dann im Text des letzten Stückes selbst so gut beschreibt, war der perfekte Abschluss für eine wunderbare Spielerfahrung.

What’s the word, does that thing have a name? When familiar surroundings just don’t look the same? But then you came around. Said it’s time to let go. And you took me to a place I don’t know.


Sayonara Wild Hearts (2019) wurde von dem schwedischen Studio Simogo entwickelt und wie so viele andere großartige Kleinode von Annapurna Interactive vertrieben. Man sollte es erleben.

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