Birnen in Dubai

Liebe Eltern,

wisst ihr noch?

»Wie viele meiner Söhne benötige ich, um eine Glühbirne zu wechseln? Keinen einzigen. Ich mache es einfach selbst.«

Das war euer Lieblingswitz. Auf jeder Geburtstagsfeier. Auf jedem Familientreffen. Und überhaupt immer und immer wieder.

»Stellt euch vor: Unser Sohn will Elektriker werden!«

Ich konnte es irgendwann nicht mehr hören. Und dann auch noch der Rest der Familie.

»Der sollte eher mal etwas Vernünftiges lernen.«

»Was will der denn damit später mal anfangen?«

»Kann man damit Geld verdienen?«

Ich glaube, dass euch nie bewusst geworden ist, wie schlimm es für mich war, in einer Künstlerfamilie aufzuwachsen. Der Vater ein Opernsänger. Die Mutter Schriftstellerin. Bruder Nummer eins war eine Virtuose des Ausdruckstanzes. Und Bruder Nummer zwei ein wahrer Meister des abstrakten Pinselstrichs. Und dann gab es da noch den Kleinen. Drei Jahre jünger als ich und schon mit mehr Erfahrung im Bereich der Harfenmusik ausgestattet als ich während meines restlichen Lebens jemals sammeln würde.

Und ich?

Ich habe immer gerne an Dingen rumgeschraubt. Statt gleich einen neuen Schrank zu kaufen, nur weil eine Tür quietschte, wollte ich sie ölen. Statt das Regal wegzuschmeißen, weil es ein wenig wackelte, wollte ich es reparieren. Die kaputte Steckdose wollte ich selbst austauschen. Die Internetverkabelung des Hauses wollte ich selbst planen und umsetzen.

Aber nichts davon wolltet ihr mir gestatten. Alles war euch zu bodenständig. Ich sollte mich mehr den abgehobenen Dingen widmen. Den Künsten. Kunstwerk statt Werkstatt.

Mein einziger Ausweg: Heimlichkeit. Ich habe heimlich bei Freunden geübt. Ich habe deren Schränke repariert. Deren Wände gestrichen. Deren Kabel verlegt.

Und deren Glühbirnen gewechselt.

Dass ich euch zu meinem achtzehnten Geburtstag meinen Auszug schenkte, hatte sich angekündigt. Ihr habt nicht einmal so getan, als hätte ich euch damit überrascht.

»Du warst schon immer der Abgehobene in der Familie.«

Das war alles.

Gut, wenigstens habt ihr nicht versucht, mich aufzuhalten. Vielleicht kann ich mich zumindest dafür bei euch bedanken. Ihr habt mich aber auch nie unterstützt. Während mich andere Eltern sofort in den »Basteln mit Holz«-Kurs an meiner Schule geschickt hätten, wenn sie von meinem Interesse gehört hätten, habt ihr es einfach ignoriert. Es einfach hingenommen. Keine Unterstützung bei der Suche nach Praktika im Handwerksbereich. Stattdessen Aushilfskraft in der Stadtbibliothek, um mich so vielleicht doch noch an Literatur heranzuführen.

Heute, fünf Jahre später, schreibe ich euch also diesen Brief.

Warum?

Weil ich endlich an dem Punkt angelangt bin, an dem ich euch auslachen kann. An dem ich meinen eigenen Witz erzählen kann.

»Wie viele eurer Söhne benötigt die Stadt Dubai, um die Glühbirnen der ansässigen Straßenlaternen zu wechseln?«

Na, wisst ihr die Antwort?

Einen. Mich.

Und man hat mir dafür einen verdammt großen Kran zur Verfügung gestellt.

Danke für nichts.

Euer Sohn.


In Emergency Driver Simulator fährt man mit allerlei Rettungsfahrzeugen wie Krankenwagen oder Lampenwechslern durch Dubai und arbeitet. Es ist eigentlich ein Einparkspiel. Und nicht wirklich gut.

This article is also available in: Englisch

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