Aus der Rolle gefallen

Das Verhältnis zwischen meiner Schwester und mir erschien mir immer etwas kompliziert. Es war geprägt von einer merkwürdigen distanzierten Nähe. Ich war als großer Bruder eine Art von Vorbild. Ich fühlte mich verpflichtet. Und ich wollte diese Rolle auch gern ausfüllen. Ich glaube, dass ich oft zu streng war – doch immerhin stets bemüht!

Doch es gab natürlich auch diese Momente, in denen wir uns annäherten. Wenn wir zusammen vor der Konsole saßen, waren wir einfach nur Kinder. Wir hatten viel Spaß mit Super Mario World und The Legend of Zelda: A Link to the Past. Aber ein Spiel hat uns besonders zusammengeschweißt. Secret of Mana von Square war durch den Koop-Modus ein gemeinsames, großes Abenteuer, in dem wir aufeinander angewiesen waren. So war es anfangs nervig, dass die Kämpfe in dem Action-Rollenspiel unterbrochen wurden, wenn einer von uns das Ring-Menü geöffnet hat – hierüber wurden die Spezielfähigkeiten und Einstellungen zu allen Charakteren vorgenommen. Aber es zwang uns auch zu Absprachen beim Einsatz von Magie und aufgeladenen Angriffen mit Waffen.

Wenn wir Secret of Mana spielten, mussten wir weder einer Rolle entsprechen, noch waren wir Konkurrenten. Wir mussten uns den Controller nicht teilen und uns nicht abwechseln. Wir studierten zusammen das Verhalten von Gegnern und suchten ihre Schwächen. Wir achteten gegenseitig auf die verbliebene Lebensenergie. Wir freuten uns, wenn der andere einen geheimen Weg gefunden hat. Und wir saßen beide gern vor dem Intro und lauschten der wunderschönen Musik.

Auch auf anderer Ebene sind wir uns neu begegnet. Es gab den typischen Jungen, der schicksalshaft zum Träger des legendären Mana-Schwerts wurde. Jedoch war da auch die aufmüpfige Prinzessin mit Kämpfernatur sowie eine Koboldin mit sehr losem Mundwerk und großem Herz. Ich spielte die zaubernden Damen und meine Schwester kämpfte mit dem Schwert. Wir waren ein Team und kein Charakter war wichtiger als der andere. Das Trio brachte uns sehr oft zum Lachen, der zugleich ernste Ton des Spiels führte allerdings gelegentlich auch zu Wehmut und – vor allem ganz am Schluss – zu Tränen. Zwischen Bruder und Schwester herrschte Frieden – zumindest bis der Mana-Drache besiegt wurde und der Abspann zu Ende war.

Heute ist es wieder etwas stiller geworden zwischen meiner Schwester und mir. Es ist eine sehr trügerische Ruhe. Und obwohl sie tendenziell mehr auf Action steht und ich mehr auf Abenteuer, gibt es diese gemeinsame Erinnerung. Vielleicht ist es nach über 15 Jahren an der Zeit, die Heldeninnen von einst wieder zusammenzubringen, das Schwert aus dem Stein zu ziehen und den Kampf mit dem Bösen erneut aufzunehmen.


Secret of Mana ist erhältlich für SNES, Wii, Wii U, iOS, Android, Switch, PlayStation 4 und PC. Das Action-Rollenspiel hat eine komplizierte Enstehungsgeschichte. Es erschien erstmals 1993 in Japan als Seiken Densetsu 2 und 1994 in Europa für das SNES. Ürsprünglich begann die Entwicklung als Final Fantasy IV, dann wurde es für die CD-Erweiterung von Nintendo geplant und musste nach dem Scheitern des Projekts mit Sony deutlich gekürzt und geändert werden. Erfolgreich war das Spiel trotzdem. Aus den gestrichenen Ideen wurde ein ganz neues Abenteuer, nämlich Chrono Trigger. (SNES) Der Vorgänger trägt übrigens den Namen Seiken Densetsu: Final Fantasy Gaiden (Game Boy) und ist bei uns besser bekannt als Mystic Quest. Der Nachfolger Seiken Densetsu 3 (SNES) wiederum kam erstmals mit der Collection of Mana (Switch) in den Westen.

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