Auf zum Mond

Ein Mann liegt im Sterben und sein letzter Wunsch ist es, zum Mond zu reisen. Der Auftrag für Sigmund Corp. klingt wie Routine. Es sollte ein Leichtes sein, diese Erinnerung zu Verpflanzen und für den Sterbenden erlebbar zu machen. Doch was zunächst wie der Traum eines Astronauten klingt, ist in Wirklichkeit, einer der schönsten Geschichten über Liebe, die du dir vorstellen kannst. Selbst wenn es seltsam erscheint, so kann der einsame, kalte, weit entfernte Mond natürlich zum Treffpunkt von Liebenden werden. Alles was es dazu braucht, ist ein bisschen Fantasie.

Für mich ist Japan dieser spezielle Ort. Wenn ich einen Menschen sympathisch finde, aber nicht sicher ist, dass wir uns wiedersehen, verabschiede ich gern mit einem kuriosen, zunächst abweisend wirkenden Satz: „Wir treffen uns bestimmt wieder – vielleicht nicht hier, vielleicht in Japan.“ Das Land steht dabei Synonym für die ganzen seltsamen Plätze, die es auf der Welt gibt. Sollte unsere Begegnung wirklich besonders gewesen sein, so wird uns der Zufall schon wieder eben dort zusammenbringen, so meine romantische Vorstellung. Für den kindlichen John in To the Moon war dies ganz ähnlich.

Als Ort für ein solches Wiedersehen mit meinem Lieblingsmenschen hätte ich viel eher auf Japan gewettet. Tatsächlich wurde es ein Ort der noch unwahrscheinlicher und seltsamer war – ein bisschen wie der Mond. Doch es war sein Ort. Drei Jahre zuvor war er an meinem Ort, den er nicht kannte und auch nie wieder besuchte. Beide Begegnungen waren ein bisschen so, als würden wir einen fremden Planeten bereisen. Wir besuchten unsere eigentümlichen Welten. Wir beschnupperten uns. Dazu passt auch, dass unser beider Muttersprache zwar Deutsch ist, wir aber genau genommen trotzdem zwei gänzlich unterschiedliche Sprachen sprechen – und sie nach vielen Jahren gemeinsamer Beziehung noch immer voneinander lernen.

Es ist der Teil von To the Moon, der mich tief berührt hat. Ich war ich beeindruckt davon, wie viele Emotionen in einem Haufen einfacher Pixel stecken können. Die Grafik ist kaum beeindruckend. Es ist auch kein klassisches Spiel und es gibt keine besonderen Spielmechaniken. Dieser Titel lebt allein von seiner hervorragenden Geschichte und den Emotionen, die zwischen den Zeilen hervorbrechen. Es ist eine gänzlich unerwartete Reise zum Mond, bei dessen Ankunft meine Augen sehr feucht geworden sind.

Manchmal scheint es so, als leben wir wirklich alle auf eigenen Planeten. Und so wir dies nicht bereits tun, wünschen wir uns zumindest dorthin. In jedem Fall kann die Distanz zwischen zwei Menschen durchaus unüberwindbar sein. Manchmal jedoch begegnen wir Menschen, mit denen ist es nicht ganz so furchtbar ist. Mit denen halten wir es aus. Es gibt Menschen, die leuchten uns förmlich an. Und die dürfen gern mitkommen dahin, wo sonst niemand ist – die lassen wir in unser Herz.


To The Moon ist 2011 für den PC erscheinen – gebaut mit der „RPG Maker XP“-Engine und voller Konzentration auf die Story. Inzwischen ist es auch für Mac, iOS, Android und Switch erhältlich. Inspiration war die schwere Krankheit des Großvaters und die Frage, was man kurz vor dem Tod bereut.

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