Nase hochziehen, du unfähige Göre!

Frust. Wer kennt dieses Gefühl nicht? Mit jedem Scheitern verkrampfen die Finger mehr auf den Tasten, Zahnschmelz reibt auf Zahnschmelz, Adern treten hervor, Tränchen in den Äuglein… und dann entladen sich all die angestauten, negativen Energien entweder in einem durch das Zimmer geschleuderten Eingabegerät oder dem verächtlich schnaubenden Drücken des Beenden-Buttons. Zweiteres ist meine bevorzugte Reaktion. Nur schnell raus hier, weil man dieses gottverdammte Rektalgeschwür eines Videospiels NIE WIEDER SEHEN WILLAUSRUFEZEICHEN! Nachdem man sich beruhigt hat, kehrt man selbstverständlich zurück, nur um festzustellen, dass man während des nur notdürftig kontrollierten Wutanfalls vergessen hatte, zu speichern.

Jener für Videospiele typische Frust ist nicht angeboren, sondern ich bin überzeugt davon, dass bestimmte Spiele ihn uns antrainieren. Zumindest bei mir war es so. Einst war ich ein entzückendes Kind, das vor allem durch eine positive Eigenschaft bestach: Geduld. Ich löste quadratkilometergroße Puzzles, konnte tagelang an Details von Wachsmalkunstwerken feilen oder mich mit dem Bau einer LEGO-Stadt von beeindruckender architektonischer Sorgfalt beschäftigen. Erwachsene liebten das. Ich liebte den 486er, der 1993 bei meiner Familie einzog. Dieser Techniktraum in Beige war offiziell keineswegs für mich bestimmt gewesen, sondern für das Büro meines Vaters. Ein Bekannter von ihm, der im Computerhandel tätig war, empfahl ihm uneigennützigerweise, dass diese Investition bei Kundenbesuch einen zukunftsorientierten Eindruck hinterlassen würde. Wirklich damit gearbeitet wurde dann allerdings nicht, und so konnte ich mich daran austoben.

Weil der erwähnte Bekannte meines Vaters offenbar sehr genau wusste, wer in diesem Haushalt den Computer verwenden würde, gab es als Dreingabe ein Jahresabo der PC Games auf meinen Namen und ein vorinstalliertes Spiel. Mein erstes Videospiel, von dem ich nicht, wie schon öfter erlebt, von meinen genervt dreinblickenden Cousins weggedrängt werden würde. Meine ersten spannungsgeladenen Ausflüge in eine virtuelle Welt standen bevor, in der ich mich würde verlieren können! Durch die Spielezeitschrift, die sich nun passenderweise in meinem Besitz befand, wusste ich, welche Wunder mich erwarten würden. Putzige Jump ’n’ Runs, humorvolle Adventures und aufregende Rollenspiele. Und dann gab es noch diese ultrabrutalen Egoshooter, huiuiui. Ich war bereit dafür! Ich hatte mir für irgendwas um die 10 Mark sogar einen Joystick gekauft! Welches Spiel war also die große vorinstallierte Überraschung?

Es war der Microsoft Flight Simulator 5.0.

Ohne Anleitung und auf Englisch war es das perfekte Spiel, um einer naiven und technikunerfahrenen Zehnjährigen beizubringen, was Frust bedeutet. Immer und immer wieder ruckelte ich über die Landebahn und wusste nicht, wie ich abheben sollte. Immer und immer wieder steigerte sich das monotone Motorengeräusch in meinen Ohren zu hämischem Gelächter über meine Unfähigkeit, so etwas Simples wie die Steuerung eines Verkehrsflugzeuges zu meistern. Du willst es nach den Sommerferien aufs Gymnasium schaffen, du Versagerin? Vergiss es! Du weißt ja nicht mal, wie du das Triebwerk einfährst! Nase hochziehen! Ich trainierte verbissen mit minimalem Erfolg. Und so wurde meine erste Spielerfahrung auf einem eigenen PC eine Lehrstunde darüber, wie frustrierend Videospiele sein können und dass Ausdauer nicht immer belohnt wird. Ich hörte mit dem Puzzlen auf, begann Schimpfworte in meinen alltäglichen Sprachgebrauch aufzunehmen und irgendwann kam der Tag, an dem ich komplett die Geduld verlor und den Flight Simulator aufgab. Glücklicherweise sollten andere Spiele folgen, die es besser mit mir meinten.


Der Microsoft Flight Simulator ist kein schlechtes Spiel, für mich war es bloß das falsche Spiel zur falschen Zeit. Die Reihe hält sich bereits seit den frühen Achtzigern, und der Vater meiner besten Freundin besaß einen extra Controller dafür, der dem Steuerhorn echter Flugzeuge nachempfunden war. Das hat mich damals sehr beeindruckt, und ich habe den Flight Simulator für mich deswegen und wegen meiner eigenen Erfahrungen ehrfurchtsvoll unter “Spiele für Erwachsene” abgespeichert.

This article is also available in: Englisch

Share: