10m², Beste Lage

Der Ziegendämon Capra ist ein moderner Großstädter. Er könnte sich ein großes Domizil weit draußen in der Vorstadt leisten, aber das käme für ihn einer Kapitulation gleich. Capra will da sein, wo das Leben ist. Wo es riecht und manchmal vielleicht sogar ein bisschen stinkt. Heruntergerockter Altbau? Der Putz bröckelt? Egal! Winzig? Platz ist nicht alles, denn der Ziegendämon macht sich nichts aus Dinglichem. Die Bücherwand auf dem Tablet, der Boden als Bett. Ist auch gesünder.

Capra sind nur drei Dinge wichtig: Lage, Lage, Lage! Direkt vor der Haustür eine pittoreske, umrankte Brücke mit direktem Anschluss an das Szeneviertel im unteren Teil der Stadt der Untoten. Er arbeitet nicht, er lässt seine Reben für sich arbeiten und vertickt den liebevoll handgecrafteten Stadtwein bequem über seinen Online-Shop. Trotz der an sich bescheidenen Wohnverhältnisse teilt Capra seine Wohnung mit Haustieren. Zwei Hunde, natürlich aus dem Tierheim. Liebevoll kümmert er sich um die beiden von ihrem Vorbesitzer misshandelten Kreaturen, die ihm vertrauen und Liebe zurückgeben. Nur wenn hin und wieder eine fremde Person erscheint, kickt das Trauma rein und sie zeigen sich aggressiv und bissig. Aber meistens ist Capra alleine. Monogame Beziehungen, wie sie von der Kirche propagiert werden, sind bei Seinesgleichen längst überholt. Niemand lässt sich mehr von althergebrachter Symbolik oder gar feuerspruckenden Gargoyles einschüchtern. Nicht hier, in der unteren Stadt.

Man könnte ihn einfach ihn Ruhe sein Leben führen lassen. Jeder, wie er mag. Doch das geht nicht, denn Capra ist nebenberuflich ein Boss in einem Videospiel. Nicht in irgendeinem Videospiel, sondern in Dark Souls. Wer einen Dark-Souls-Boss mit zwei Kötern zusammen auf gefühlt 10 m² zusammenpfercht, hat eine mir bislang unbekannte Humorfarbe. Das ganze Setup wirkt wie ein Troll-Move. Ein mächtiger Boss auf kleinstem Raum. Die Kamera eine Katastrophe. Kein Überblick, kein Platz zum Ausweichen, keine Zeit zum Verstehen und Lernen. Und in das bisschen Freiraum, den die Arena lässt, springen die Hunde erratisch hinein und chaotisieren den Kampf damit so sehr, dass eine Kampfstrategie nicht spontan entstehen kann. Es bleiben erbärmlich-willkürliche Tastenkombinationen und der schnelle Tod in irgendeiner Ecke, von der Kamera gerade so noch eingefangen.

Ich war nicht sofort demotiviert, denn ich wusste ja, wie diese Spiele funktionieren. Sie zwingen dazu, umzudenken und Mechaniken zu verinnerlichen. Also begann ich, außerhalb der Arena nachzudenken. Die Möglichkeiten waren so begrenzt, dass ich mich eher an ein Puzzle erinnert fühlte. In Baba is You reizen mich die Rätsel am meisten, die unmöglich erscheinen, dabei aber nur sehr wenige Interaktionsmöglichkeiten bieten. Dann denke ich vom Ziel her. Die Lösung entsteht nicht im Trial + Error, sondern im Kopf. Zwar begab ich mich ein ums andere Mal in die Schlacht mit dem gehörnten Hipster, aber nicht, um ihn zu besiegen, sondern um herauszufinden, was ich überhaupt tun kann. Blocken? Parry? Erst die Hunde? Ausweichen? Unten bleiben oder die Treppe ins Nichts hoch? Anvisieren oder nicht? Starke Rüstung oder mehr Beweglichkeit? Geht vielleicht eine Sturzattacke?

Es sieht nicht danach aus, aber im Grunde: Der Ziegendämon

Und trotzdem war ich war kurz vorm Aufgeben, weil auch ein bisschen Glück dazugehört, die ersten Momente des Kampfes zu überleben. Ein letztes Mal wollte ich es versuchen. Zuvor hatte ich nie mehr als einen einzigen Schlag gelandet. Doch dann überlebte ich die Hunde. Und stellte fest, dass der Dämon langsam und vorhersehbar agiert. In einem anderen Setup wäre diese Phase nicht der Rede wert. Erst der lange Prozess des Beobachtens, Sterbens und Theoretisierens verlieh dem Duell eine Spannung, die ich so kaum zuvor erlebt habe. Herzhämmern, zittrige Hände, die sich in den Controller klammerten. Und der Ziegendämon fiel.

Man darf ruhig mit den Augen rollen, wenn die From-Apostel mal wieder sagen, dass man dranbleiben sollte, bis das Spiel klickt. Aber was soll ich sagen. Es ist passiert. Auch wenn ich die Reihe geistig durchdringen konnte und von diesem Effekt wusste: Diesen Adrenalinschub wirklich zu spüren. Sich den Erfolg selbst erarbeitet zu haben. Es lohnt sich. Dass ich eine Stunde lang getötet wurde, war keine Demütigung. Ich sammelte lediglich Daten. Der arme Kerl wusste gar nicht, dass er mich mit jedem Sieg stärker machte. Und wenn man das vorher weiß, dann ist ein Dämon auf 10m² mit zwei Hunden und einer unmöglichen Kamera kein frustrierender Troll-Move, sondern eine Puzzle-Box. Ein gutes Baba-Is-You-Rätsel. Und nie fühlt man sich mächtiger in Videospielen, als wenn man ein gutes Baba-Puzzle löst.


Wie viele andere habe ich die From-Spiele lange aus der Ferne verfolgt mit all die verschiedenen Argumente von den Begeisterten und den Abgeschreckten, warum man es spielen sollte oder dass es nicht jeder spielen muss und… es ist müßig. Man kann leicht vergessen, dass Dark Souls einfach nur ein Videospiel ist. Mit Mechaniken und Gamedesign. Als ich das wiederentdeckte und all den Ballast beiseite räumte, war der Weg frei für meinen persönlichen Zugang zu Dark Souls.

This article is also available in: Englisch

Share: